Gebrauchsanleitung fuer Archive - Martin Burkhardt

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Gebrauchsanleitung für Archive ·
Praktischer Leitfaden für den Einstieg in die Quellenrecherche
Burkhardt Martin (Autor) · (2006)

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ISBN/ISBN13:/ · ISSN:
Sprache: Deutsch · Version: v1.00 (Volltext)
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Burkhardt Martin: Gebrauchsanleitung für Archive . In: eLib.at (Hrg.), 25. Mai 2016. URL: http://elib.at/
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 · Grundlagentext · Aufsatz ·
Archivwesen · Bibliothekswesen · Recherchewesen · Soziologie · Informationsorganisation
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Inhaltsverzeichnis

Volltext


Diese Gebrauchsanleitung für Archive wurde uns freundlicherweise von Herrn Dr Martin Burkhardt zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Dieser Text wurde auf historicum.net erstveröffentlicht. Vielen Dank!

Dr. Martin Burkhardt

Gebrauchsanleitung für Archive - Praktischer Leitfaden für den Einstieg in die Quellenrecherche

Version: 22. September 2006




Einleitung: Für wen und zu welchem Zweck ist dieser Leitfaden geschrieben?

Dieser Leitfaden soll eine Gebrauchsanleitung sein. Wie seine Pendants für die Waschmaschine oder das Mobiltelefon soll er klären: Was ist das für ein Ding, wie benutze ich es, und wie ziehe ich den bestmöglichen Nutzen daraus. Anders als bei anderen Archiv-Kompendien liegt der Schwerpunkt hier auf dem praktischen Nutzen für Archiv-Laien: Studierende, Schüler der Oberklassen, Lehrerinnen und Lehrer, die "besondere Leistungen" zu betreuen haben oder den neuen Lehrplan Geschichte von Nordrhein-Westfalen umsetzen, Heimatgeschichtsforscher, ausländische Wissenschaftler, Mitarbeiterinnen von Behörden und von Öffentlichkeits-Abteilungen in Unternehmen; kurzum für alle, die schon immer ein Archiv benutzen wollten, sich aber nicht getrauten einzudringen. Vielleicht finden auch Leute, die schon in Archiven recherchiert haben, noch den einen oder anderen nützlichen Hinweis.

Dieser Leitfaden möge auch Menschen erreichen, die kein Forschungsinteresse ins Archiv führt, sondern die Wahrung persönlicher Rechte. Viele wissen nicht, dass ihnen Archive dabei helfen können. (Siehe 5.5)

Der Autor ist Archivar, der schon einige Berufsjahre in verschiedenen Archivtypen gearbeitet und sich dabei immer bemüht hat, die Dinge auch von der anderen Seite der Benutzertheke her zu sehen. Sofern es mit diesem Leitfaden gelingt, Schranken abzubauen, nützt dies gleichermaßen Ihnen als Nutzern wie uns Archivaren. Denn letztlich verwahren wir die Archivalien zu keinem anderen Zweck als dem, dass eines Tages jemand kommt, der sich dafür interessiert.

Ein Hauch vom Geheimen Archivarius Lindhorst umweht noch heute den Berufsstand. Diese Figur in dem vor zwei Jahrhunderten von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann erdachten Fantasiestück "Der goldene Topf" ist "ein alter wunderlicher, merkwürdiger Mann, man sagt, er treibe allerlei geheime Wissenschaften". Lindhorst verfügt über alte Manuskripte "in sonderbaren Zeichen, die keiner bekannten Sprache angehören". Mitunter breitet dieser Archivar im Abenddunst die Rockschöße zu Flügeln aus und flattert als weißgrauer Geier hoch in den Lüften davon.

Diese Gebrauchsanleitung trage dazu bei, den romantischen Schleier des Geheimnisvollen zu lüften, der bis heute Archive und Archivare umgibt. Sie soll dabei helfen, den formalen Vorgängen bei der Benutzung die Spannung zu entziehen und die Spannung dorthin zu verlegen, wohin sie gehört: zu den aufregenden Entdeckungen beim Studium von Archivquellen.


Anschrift des Autors:
Dr. Martin Burkhardt
Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg
Schloss Hohenheim, Institut 806
70593 Stuttgart
Email: martinbu(at)uni-hohenheim.de


Was ist ein Archiv?

Zu unterscheiden sind der unschärfere allgemeine Sprachgebrauch und die archivistische Definition.


... im öffentlichen Sprachgebrauch

Im öffentlichen Sprachgebrauch bezeichnet "Archiv" so ungefähr alles, was eine größere Menge schriftlicher Informationen in einer irgendwie strukturierten Form beinhaltet und keine Bibliothek ist. Ein "Archiv" in diesem Sinne kann der riesige Zettelkasten des Walter Kempowski ebenso sein wie die Datensammlung eines Zeitungsverlags über Personen und Institutionen, in Online-Periodika verweist der Begriff auf die Beiträge der vorigen und älterer Ausgaben, und mitunter bildet er einen Zeitschriftentitel ("Archiv für Sozialgeschichte" usw.).


... im strengen archivfachlichen Sinne

Im strengen archivfachlichen Sinne ist ein Archiv eine Institution, die Archivalien oder (synonym) Archivgut verwahrt, und Archivgut muss jede der folgenden drei Bedingungen erfüllen: a) Ist im Geschäftsgang einer juristischen oder natürlichen Person entstanden; b) wird zur Erledigung der laufenden Geschäfte nicht mehr benötigt; c) hat bleibenden Wert.

Der wichtigste Begriff in dieser Definition ist der "Geschäftsgang". Der verweist darauf, dass der Inhalt eines Archivs in amtlicher oder geschäftlicher, jedenfalls nicht privater Tätigkeit entstanden ist. So handelt es sich bei Archivalien typischerweise um Akten, die in der Regel Unikate sind - im Unterschied zur Bibliothek, deren Bücher je nach Vertrieb und Auflagenhöhe mehr oder weniger bequem auch woanders zu bekommen sind [1]. Die völkisch angehauchte ältere Definition von a) führt an Stelle des Verbs "entstanden" den Begriff "organisch erwachsen", womit, bedauernd zugegeben, der Hauptunterschied zum Museum besonders deutlich hervortritt; das Museum verwahrt ja auch alte Sachen, die oftmals (in Gemäldegalerien: ausschließlich) Unikate sind. Aber das Museum akquiriert planmäßig, es kauft an, es lässt sich auch schenken; das Archiv hingegen muss nehmen, was in seinem Zuständigkeitsbereich anfällt, die abgebenden Stellen unterliegen umgekehrt einer Abgabepflicht, und deshalb bezahlt das Archiv für die übernommenen Schätze keinen Cent.

Das gezielte Akquirieren von Daten und Fakten aus verschiedenen Quellen auf einen punktuellen Betreff - z.B. alles aus 15 oder 30 für seriös erachteten internationalen Periodika über Helmut Kohl - charakterisiert die Arbeit von Dokumentaren. Bei einem Archivbestand verhält es sich genau anders herum: Er fließt aus einer Quelle - z.B. der Abteilung für den Straßen- und Wasserbau im württembergischen Innenministerium -, und kann zu den verschiedensten technik-, wirtschafts-, umwelt-, mentalitäts-, personen- usw. -geschichtlichen Fragen Auskunft geben.


Wer sich mit Archivaren unterhält, wird bald bemerken, wie häufig sie von "Provenienzen" sprechen, wie wichtig ihnen Zusammenhänge sind. Zu Recht. Einer seriösen Recherche genügt es keinesfalls, irgendwo die Sätze zu finden: "Auch wegen unseres besonderen Schutzhäftlings ,Eller' wurde erneut an höchster Stelle Vortrag gehalten. Folgende Weisung ist ergangen: Bei einem der nächsten Terrorangriffe auf München bezw. auf die Umgebung von Dachau ist angeblich ,Eller' tötlich verunglückt." Dieser Befehl zum Mord an dem Hitler-Attentäter Georg Elser erlangt erst dann die Qualität einer verwertbaren Aussage, wenn das "Drumherum" geklärt ist: Wer hat ihn wann aufgeschrieben, in welcher Funktion, unter welchen Umständen und zu welchem Zweck? Was steht sonst noch in dieser Akte und wer hatte im Lauf der Zeit Zugriff darauf? - Eine Akte mit der Aufschrift »Karlheinz Schreiber / Parteispende« wäre kaum halb so interessant, wenn man nicht wüsste, ob sie aus dem Büro von Wolfgang Schäuble oder dem von Brigitte Baumeister stammt.

Aus ihrem Zusammenhang gerissene Einzel-Akten verlieren erheblich an Aussagekraft und Glaubwürdigkeit. Natürlich enthält eine umgebungslose Archivalie noch eine Menge Informationen, im Verhältnis etwa so viel wie ein Blatt, das mitten aus einem Roman herausgerissen ist, so dass findige Leute sogar ermitteln könnten, um welchen Roman es sich handelt. Doch meist ähnelt die Akte ohne Provenienz dem beim Raubgraben erbeuteten Caracalla-Aureus ohne Dokumentation von Fundort und -umständen, der so für die Archäologie wissenschaftlich wertlos bleibt.

[1] Selbstverständlich verwahren zahlreiche Bibliotheken Handschriften oder andere Unikate, und die Archive enthalten viele Drucke und "Bücher" - aber dieser Leitfaden stellt die generelle Linie vor, den Regelfall, das Charakteristikum, und nie die letzte abwegige Ausnahme.


An was und wie arbeiten Archivarinnen und Archivare?

Der folgende Abschnitt 2.3 soll Ihnen eine Vorstellung darüber vermitteln, was Sie als Benutzer in einem Archiv geboten bekommen und was Sie nicht erwarten dürfen.

In der Öffentlichkeit wahrgenommen werden Archivare, wenn sie sich als Historiker betätigen, wenn sie Ausstellungen organisieren, Quelleneditionen und landesgeschichtliche Werke herausgeben oder auf Tagungen referieren. Die so genannten "archivischen Kernaufgaben" hingegen erledigen Archivarinnen und Archivare hinter den Kulissen, wenn nicht ganz im Verborgenen, und Anerkennung erwerben sie damit allenfalls bei nachgeborenen Fachkollegen. Diese Randständigkeit archivischer Grundlagentätigkeiten liegt angeblich darin begründet, dass sie so sterbenslangweilig seien und niemanden interessierten. Was allenfalls die halbe Wahrheit ist.

Analytisch zerfallen die "archivischen Kernaufgaben" in vier große Blöcke: Übernahme, Erhaltung, Erschließung und Benutzung.


Übernahme

Zuerst muss der Archivar mehr oder weniger große Aktenmassen in kurzer Zeit sichten und all das der Vernichtung anheim geben - auf archivarsdeutsch "kassieren" -, was keinen bleibenden Wert besitzt, umgekehrt die Dokumente zur Übernahme vormerken, die sie zur dauernden Aufbewahrung im Archiv bestimmt. Dieser "Bewertung" genannte Vorgang dürfte die verantwortungsvollste und schwierigste Aufgabe im archivischen Arbeitsspektrum sein, ein ständiges Segeln zwischen Scylla und Charybdis. Einerseits sind Kassationsentscheidungen irreversibel, andererseits wirken sich Übernameentscheidungen additiv auf Kosten und weiteren Arbeitsanfall aus, denn die belegte Regalfläche im Magazin wird immer nur größer, nie kleiner. Aus archivarischer Bewertung resultiert die zukünftige Quellenlage, das heißt konkret, was die Archivarin kassiert, das verschwindet auf ewig im Vergessen, und was sie übernimmt, das prägt spätere Geschichtsbilder.


Übernahmen ins Archiv bilden eine zeitlich nie abreißende Kette. Einem verbreiteten Irrtum zufolge fahndet der Archivar, wenn er zur Bewertung in die Abteilung oder ins Amt kommt, nach allem "Alten". Meine Standardantwort darauf lautet, es gebe nichts Relativeres als Alter; eine Aktennotiz, die Sie heute schreiben, wäre anno 2525 uralt. Also kommt es entscheidend darauf an, dass sie wichtig genug ist, um bis dahin aufbewahrt zu werden.


Nun besteht eine große Teilmenge aller zu bewertenden Unterlagen, auch der "alten", aus unzweifelhaft überflüssigem Müll, der nie wieder irgend jemanden interessiert haben würde. Eine deutlich kleinere Teilmenge ist offensichtlich archivwürdig. Die Schnittmenge aus diesen beiden, der spannende Teil, bleibt dem auch nur konsensfähigen, geschweige denn objektiven Urteil enthoben. Bedauerlicherweise stellen Archivare ihre konkreten Bewertungsentscheidungen nie, deren allgemeine Grundsätze faktisch auch nicht zur öffentlichen Diskussion; was gewiss mit dem Zeitdruck zusammenhängt, aber ebenso gewiss auch mit der Scheu, sich dabei in die Karten gucken zu lassen.

Um die Relationen zu quantifizieren: Vom modernen, nach 1948 entstandenen Verwaltungsschriftgut werden zwischen drei und zehn, im Mittel wohl um die fünf Prozent übernommen. Alles andere verarbeitet der Reißwolf.


Eine Totalarchivierung, wie sie aus Kreisen der Forschung bisweilen gefordert wird, kommt aus zwei Gründen nicht in Frage.

Erstens würden die Magazine sofort aus allen Nähten platzen. Ein Landes-/Staatsarchiv verwahrt derzeit zwischen 20 000 und 40 000 Regal- oder "laufende" Meter Archivgut (d.h. alle Unterlagen in den Magazinregalen ergäben, nebeneinander gestellt, eine Strecke von 20 bis 40 Kilometern), ein mittleres Stadtarchiv 2000 bis 5000 Regalmeter. Bei kompletter Übernahme allen abzugebenden Materials würden sich diese Bestände binnen vier bis fünf Jahren verdoppeln, in weiteren acht bis zehn Jahren auf das vierfache des aktuellen Stands anschwellen. Wer sollte solche Lagerkapazitäten bezahlen?!

Zweitens ermöglicht erst die Kassation des Überflüssigen das nachfolgende Strukturieren und Erfassen der Bestände im Archiv. Zugespitzt gesagt: Bei einer Totalübernahme wäre zwar noch alles da, aber darin würde niemand mehr etwas finden. Die Archivare bringen die Dokumente in eine Ordnung, die so schön nie zuvor bestanden hat.


Erhaltung

Die Bestandserhaltung, auf der anderen Seite derselben Medaille die Zerstörung von Archivgut, wird bemerkenswerter Weise unter den selten von Massenmedien aufgegriffenen Archivthemen am häufigsten popularisiert - vermutlich, weil es neben Archivalien auch Bücher trifft. Die saure Eisengallustinte frisst Löcher in die Viertelnoten von Johann Sebastian Bachs Handschriften; wie können die Romanmanuskripte von Theodor Storm vor dem endogenen Papiersäurefraß gerettet werden; und dergleichen mehr.


Auf die verschiedenen präventiven und Reparaturmaßnahmen an bedrohtem Archivgut näher einzugehen, würde in diesem Rahmen zu weit führen, zumal es Sie als Nutzer unmittelbar allenfalls insofern betrifft, als man Ihnen die Einsicht in gefährdetes Schriftgut verwehren, Sie gegebenenfalls auf Ersatzkopien verweisen kann [Siehe 6.2] . Mittelbar dürfte die Bestandserhaltung den Nutzungsbereich erheblich stärker betreffen, da sie eine Menge Arbeitskraft bindet, angefangen mit dem Entmetallisieren. Wer vorhat, archivwürdiges Schriftgut zu schaffen, sollte bei jeder Heftklammer, die er ins Papier schießt, bedenken, dass womöglich eines Tages ein bedauernswerter Archivmitarbeiter diese Heftklammer wieder herauspfriemeln muss.


Erschließung

So lange niemand weiß, was drinsteckt, sind die schönsten alten Unterlagen nur ein nichts sagender Haufen Altpapier. Der dritte Hauptblock archivischer Arbeit besteht also darin, das Archivgut zu klassifizieren und dann so genannte Repertorien oder Findmittel zu erstellen. Dabei handelt es sich um eine Art Kombination zwischen Zusammenfassung und Inhaltsangabe, die nach bestimmten fachspezifischen Regeln erfolgt, entfernt verwandt z.B. mit dem dokumentarischen "abstract". Die Findmittel dienen dem Ermitteln von Archivalien, in denen man Antworten auf die jeweilige Fragestellung erwarten darf. Näheres in Abschnitt 4 bei der Beschreibung der Findmittel [Siehe 4.2] .

Teilweise handelt es sich um wahre Find-Hilfsmittel wie Übergabelisten, bisweilen sind Repertorien in Gebrauch, die Archivare im 19. oder gar 18. Jahrhundert geschrieben haben. Aus dieser Erfahrung - der Brauchbarkeit uralter Findbücher - rührt die archivarische Vorliebe für Papierausdrucke selbst von solchen Findmitteln, die als Datenbank vorliegen: Der Ausdruck wird voraussichtlich auch im Jahr 2204 noch zu gebrauchen sein, wenn sich jede heutige Datenbank einschließlich ihrer konvertierten und Nachfolgeversionen ins elektronische Nichts aufgelöst haben wird. Umgekehrt resultiert daraus eine gewisse Scheu, die ohnehin geringe Zeit, das wenige Personal für das Erstellen von Online-Findmitteln aufzuwenden - was ja immer einen zusätzlichen Schritt bedeutet -, wiewohl über deren Nützlich- wie Wünschbarkeit kein ernsthafter Dissens besteht.


Benutzung

Die Nutzung des Archivguts erfolgt persönlich im Lesesaal. Archivalien werden nach ehernem Grundsatz niemals im Original aus dem Haus gegeben.

Doch bevor Sie selbst ein bestimmtes Archiv aufsuchen und eine unter Umständen weite Anreise auf sich nehmen, sollten Sie abklären, ob dort Quellen für Ihre Fragestellung liegen, wenn ja, von welcher Art und wie umfänglich die sind. Bei der Kontaktaufnahme werden Sie den besten Erfolg erzielen, wenn Sie schriftlich anfragen, sei es per Postbrief, mit einem Fax oder durch E-Mail. Die Schriftform empfiehlt sich insofern, als die meisten Archive telefonische Anfragen nur unzureichend oder gar nicht beantworten (können) und Anrufer deshalb bitten werden zu schreiben, und zwar aus drei Gründen: Erstens sind Archive Behörden, und eine schriftliche Anfrage begründet einen "Vorgang", der im Archiv an die kompetente Mitarbeiterin zur Bearbeitung weitergereicht und am Ende zum Nachweis der eigenen Tätigkeit abgeheftet werden kann - niemand unterschätze den Legitimationsdruck von Archiven! Zweitens geht aus schriftlichen Anfragen nach aller Erfahrung klarer als am Telefon hervor, was genau die betreffende Person vom Archiv erwartet, welcher Fragestellung sie nachgeht. Bedenken Sie schließlich drittens, dass Ihre Anfrage Arbeit auslöst, und zwar je nach Begehr zwischen zwanzig Minuten und zwei Stunden. Deshalb herrscht, freilich eher unter der Hand, in den meisten Archiven die (auch in meinen Augen durchaus berechtigte) Auffassung: Wer sich nicht einmal die Mühe macht, sein Anliegen niederzuschreiben und abzuschicken, der verdient es auch nicht, dass ich als Archivar eine Stunde oder mehr Mühe daran setze - die anderen wichtigen Aufgaben abgeht.

Die "Dienstleistung" der Archive für alle Nutzungs-Interessenten besteht zum einen in der Beratung, in Hinweisen auf Erfolg versprechende Bestände, gegebenenfalls auf andere Archive, in denen Sie fündig werden könnten, auch auf andere Forschungsliteratur zum Thema. Diese Beratung bekommen Sie immer, auch schriftlich auf entsprechende Anfrage, und Sie sollten sie auch intensiv abrufen. Wissenschaftliche Archivare haben sich wissenschaftlich üblicherweise als Historiker qualifiziert und stehen den Diskussionen des Fachs entsprechend nahe.

Die "Dienstleistung" besteht zum zweiten in der Vorlage der Repertorien (Findmittel), mittels derer Sie Archivalien in den Lesesaal bestellen und vorgelegt bekommen. Zu den Repertorien siehe Abschnitt 4.2, zum Ablauf im Lesesaal siehe Abschnitt 6.4.


In letzter Zeit müssen immer mehr insbesondere Kommunalarchive so genannte "Grund"- oder "Eintrittsgebühren" erheben, das bedeutet, Sie als Nutzer dürfen Ihr Anliegen erst dann vorbringen, wenn Sie einen bestimmten Geldbetrag auf die Anmeldetheke gelegt haben. Bitte verübeln Sie dies nicht dem Archivpersonal. Solche Gebühren entspringen leeren Kassen und der irrigen Auffassung der politisch Verantwortlichen, die Benutzung eines Archivs (das die Kommune als gesetzlich verankerte Pflichtaufgabe führen muss!) wäre das Gleiche wie ein Besuch im Freibad oder der Gang zum Zahnarzt. Hoffentlich klagt bald jemand erfolgreich gegen diese Gebühren.

Niemand käme auf die Idee, etwa bei einer Universitätsbibliothek anzurufen und darum zu bitten, eine Bibliothekarin möge doch alle vorhandenen Bücher über Raffael heraussuchen, daraus die Kapitel zur Sixtinischen Madonna kopieren und dem Anrufer zusenden. Das klingt absurd? Anfragen der Art "schicken Sie mir bitte alles, was Sie zum Thema Marshall-Plan, Hoover und Care haben" oder "ich schreibe eine Abschlussarbeit zur Geschichte der XYZ AG" (40 000 Mitarbeiter, besteht seit über 100 Jahren) - "könnten Sie mir das Material in Kopie zuschicken?" erreichen Archive recht häufig. Also ganz deutlich: Wie in Bibliotheken die Bücher, so bekommen Sie als Benutzerin in Archiven nur die Archivalien vorgelegt. Auswählen, lesen und sich ihre Gedanken darüber machen müssen Sie selbst.


Apropos lesen: Wer Archivalien aus Zeiten vor 1900 bestellt, sollte die deutsche Schrift beherrschen (die allgemein etwas ungenau als "Sütterlin-Schrift" bekannt ist). Wie das Beispiel in Abschnitt 5.5 zeigt, gibt es zwar immer wieder hilfreiche Menschen im Benutzerdienst, die bei schwer zu entziffernden Stellen helfen. Doch in der Regel wird Ihnen keine Archivarin die Quellen vorlesen - schon allein deshalb, weil sie das zwar aufgrund längerer Übung besser kann (oder wenigstens können sollte), aber natürlich selbst gehörige Mühe damit hat, etwa in knifflige Abkürzungen des 16. oder eine Konzeptkursive des 19. Jahrhunderts einzudringen. Besorgen sie sich also rechtzeitig einschlägige Hilfsmittel wie das "Brause Übungsheft Deutsche Schrift", erhältlich über den Bürobedarf- oder Schreibwarenhandel. Jedes fachlich geführte Archiv wird Ihnen auf Nachfrage gerne die gebräuchlichen Handbücher für die Auflösung von Abkürzungen und Siglen, für Zahlen, lateinische Rechtstermini usw. zur Verfügung stellen. (Siehe die Literaturliste in Abschnitt 7.1)


Exkurs: Online-Nutzung von Archivgut?

In letzter Zeit häufen sich Anfragen, die auf Online-Nutzung von Archivalien zielen. Die Fehlanzeige aus dem Archiv führt dann häufig zur erstaunt enttäuschten Nachfrage, weshalb das Archiv seine Akten nicht längst schon eingescannt habe? Ihre Nahrung erhalten derlei Erwartungen durch Werbeangebote gewisser Dienstleister: "Wir lösen alle Ihre Platz- und Suchprobleme, indem wir Ihre Unterlagen digitalisieren". Oder durch den Jahresbericht des sächsischen Landesrechnungshofs vom 9. Oktober 2003, der seine Inkompetenz bloßstellte, indem er die Staatsarchive aufforderte, ihre Bestände einzuscannen und anschließend die Originale zu vernichten. (Nachzulesen hier, insbesondere Empfehlung 2.1.3.)


Die beiden Gründe, warum kein Archiv solches tun wird, seien kurz dargelegt. Erstens benötigt eine erfahrene Arbeitskraft zum Scannen von einem Regalmeter vergleichsweise homogener Akten (überwiegend gleiche Formate, wenige Heft- und Büroklammern, wenig dünnes Durchschlagpapier) eine Woche. Wohlgemerkt sind die Unterlagen dann als Bilder erfasst, ohne die Möglichkeit einer Volltextrecherche. Bei 200 Arbeitstagen im Jahr schafft die Person also 40 Regalmeter. Ein besseres Stadtarchiv mit seinen 4000 Regalmetern hätte demnach rechnerisch fünf Leute für jeweils zwanzig Jahre damit zu beschäftigen, das aktuell vorhandene Schriftgut zu digitalisieren - wenn in diesem Stadtarchiv überhaupt fünf Menschen arbeiten, dann ist es ganz gut besetzt. Oder: Die vier sächsischen Staatsarchive mit ihren 90 Kilometern an "stofflichen Originalen" müssten zusätzlich einhundert Angestellte für je 22 Jahre auf die Gehaltsliste setzen, ihre Personalstärke somit verdoppeln, nicht gerechnet dabei die Kosten für Computer, Scanner, Software, Arbeitsräume. Was würde der Rechnungshof wohl dazu sagen?!

Zweitens existiert kein geeignetes Speichermedium für elektronische Daten. Abgründe klaffen zwischen dem, was IT-Spezialisten unter "Langzeitarchivierung" verstehen, nämlich ein paar Monate, höchstens zehn Jahre, und der dauerhaften Aufbewahrung in Archiven. "Dauerhaft" bedeutet hier nämlich: bis ans Ende aller Tage. Versuchen Sie hingegen bloß - ich schweige von Schneider-PC, Commodore & Co - den Inhalt einer vor kaum 15 Jahren topaktuellen 5¼-Zoll-Diskette noch irgendwo gelesen zu bekommen. Eine ihrer Nachfolgerinnen im 3½-Zoll-Format, vor rund zwölf Wochen in Dienst gestellt, quittierte mir denselben gestern ohne Vorwarnung, ließ sich nicht einmal mehr neu formatieren. Bei Compact Discs beginnt das Vergammeln ("laser rot") je nach Qualität fünf bis 30 Jahre, nachdem die Scheibe den Hersteller verlassen hat.


Halbwertzeiten in der Informationstechnologie währen bekanntlich kurz. In musealen Rechenzentren müsste man permanent gigantische Datenberge in neue Systemgenerationen migrieren, wobei jedes Mal unweigerlich ein paar Daten verloren gingen. Die Alternative gründet sich unter dem Schlagwort "Emulation" auf die prekäre Hoffnung, künftige Rechnermodelle auf der Basis von Laser-, Flüssigkristall- oder Werweißwas-Chips ließen sich vorgaukeln, sie seien ein 286er Gerät und könnten MS-DOS in der Version 3.0 verarbeiten.

Was bliebe, wenn Sie die Datenbank der gescannten und dann geschredderten Akten "Kreisgericht Meißen 1953" anklicken würden, und der Bildschirm verkündete: "Zugriff auf die angegebene Quelle nicht möglich. Datenträger unbrauchbar"?

So wird die Digitalisierung auch künftig auf absolut gesehen zahlreiche, im Verhältnis zum Umfang von Archivgut aber doch nur wenige ausgewählte Stücke beschränkt bleiben, wie zum Beispiel Urkunden mit Ersterwähnungen von Ortschaften auf der Internetseite des Staatsarchivs Münster oder Dokumente des Albert-Einstein-Archivs in Jerusalem oder Urkunden niederösterreichischer Klöster. Als weltweites Pilotprojekt ließ das spanische Bildungs- und Kulturministerium in Kooperation mit IBM zwischen 1986 und 2002 die 43 000 Faszikel des Kolonialarchivs "Archivo General de Indias" in Sevilla zu 10 Millionen Bildern einscannen. Diese Pilotfunktion übernahm in Deutschland das Stadtarchiv Duderstadt, dessen ältere Bestände (bis 1650) zwischen 1996 und 1999 in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen digital kopiert wurden. Im Zentrum der Digitalisierungsaktion standen die in Duderstadt recht komplett überlieferten Amtsbuchserien, insbesondere Kämmereirechnungen, Ratsprotokolle, Steuerbücher und der schriftliche Niederschlag der freiwilligen Gerichtsbarkeit. (Siehe hier)

Die Scan-Vorlagen bleiben selbstverständlich erhalten, und sie werden ihre digitalen Kopien zum Nutzen künftiger Generationen lang überdauern.


Die verschiedenen Archivarten und -träger in Deutschland

Archive sind ihren jeweiligen Verwaltungen angegliedert. Die Dreigliederung in Bund, Länder und Gemeinden spiegelt sich so bei den Verwaltungsarchiven wider. Zwischen den Ebenen bestehen keinerlei, und seien es nur informelle, Hierarchien oder Abhängigkeiten z.B. zwischen dem Bundesarchiv in Berlin und dem dortigen Landesarchiv, zwischen dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv und dem Stadtarchiv, beide in Potsdam, zwischen dem Kreisarchiv Esslingen und dem Archiv der Kreiskommune Leinfelden-Echterdingen.

Jedes Archiv besitzt sozusagen eine eigene Individualität, es unterscheidet sich erheblich von anderen selbst innerhalb derselben Archiv-Gattung. Folgend kann daher nur ein Überblick über die Varianz von Archiv-Gattungen geboten werden, keine auch nur ansatzweise erschöpfende Beschreibung ihrer Eigenarten.


Archive des Bundes

Das deutsche Bundesarchiv wurde 1952 in der Nachfolge des seit 1919 bestehenden Reichsarchivs gegründet. Es archiviert die Überlieferung der obersten Reichs- bzw. Bundesbehörden, also des Kanzleramts, der Ministerien usw., seit 1867. Weiter liegen im Bundesarchiv die jeweiligen Militär- und Filmarchive der Bundesrepublik und der DDR. In den Jahren seit 1990 kamen an größeren Blöcken das Zentrale Staatsarchiv der DDR, das Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR, das Berlin Document Center (Aktensammlung der US-amerikanischen Besatzungsbehörde zur Vorbereitung der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und Entnazifizierung) sowie die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg hinzu. Derzeit (Juli 2004) besteht das Bundesarchiv aus zehn Dienststellen in ganz Deutschland. Internetadresse: <http://www.bundesarchiv.de>


Das 1920 eingerichtete Politische Archiv des Auswärtigen Amts enthält die Urschriften internationaler Verträge des Deutschen Reichs, der BRD und der DDR sowie alle Unterlagen, "die der Auswärtige Dienst zur Erfüllung seiner Aufgaben benötigt", auch Personalakten und Diplomatennachlässe. Hinsichtlich der Benutzung gelten nach schriftlicher Anmeldung die Vorschriften des Bundesarchivgesetzes. Internetadresse: <http://www.auswaertiges-amt.de>, dann in der Kopfleiste über "Informationsservice" weiterklicken.


Das Archiv des (aktuell: der) "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR" ist wegen dieses sperrigen Namens besser als "Gauck-Behörde", seit dem Wechsel in der Leitung als "Birthler-Behörde" bekannt. Wie die vollständige Bezeichnung sagt, besteht es aus der schriftlichen Hinterlassenschaft des Ministerium für Staatssicherheit ("Stasi") der DDR. In dieser Archiv-Behörde liegt die gigantische Masse von 122 Regalkilometern in Papierform plus weiteren 46 Kilometern auf Mikrofilmen.

Die Birthler-Behörde stellt in der deutschen Archivlandschaft insofern einen Sonderfall dar, als sie nach dem Stasi-Unterlagen-Gesetz arbeitet, nicht gemäß einem Archivgesetz. Dies ermöglicht eine ungeachtet aller Klagen Betroffener vergleichsweise nutzerfreundliche Freigabe von Akten über Personen. Internetadresse: <http://www.bstu.de/archiv>

Das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz gehört zu einer Bundesstiftung. Um Proteste empörter Kollegen unbekümmert, sei es hiermit kurz als eine Art "Staatsarchiv des Landes Preußen" beschrieben, da es brandenburgisch-preußische Überlieferung "zwischen Königsberg und Kleve" bewahrt. Der Gesamtumfang von rund 35 Regalkilometern setzt sich überwiegend aus dem Schriftgut staatlicher Provenienzen, aus der Zentrale wie aus den Provinzen, zusammen. Archivgut privater Herkunft stammt vor allem von Freimaurerlogen und Stiftungen. Internetadresse: <http://www.gsta.spk-berlin.de>


Staatsarchive (Landesarchive)

Ein Staatsarchiv in Frankreich untersteht, wo immer es liegt, der Zentrale in Paris. Das staatliche Archivwesen in Deutschland dagegen steht unter Länderhoheit. Als Archive im modernen (d.h. insbesondere: öffentlichen) Sinne sind sie in der Regel im 19. Jahrhundert entstanden und konservieren so die politische Ordnung des Deutschen Bundes zwischen 1815 und 1866; deshalb heißen die meisten der Archive der Bundesländer "Staatsarchive" (Wo die Staatsarchive Landesarchive heißen, wie in Rheinland-Pfalz, liegt dies häufig in fehlender Staatlichkeit im 19. Jahrhundert begründet.)


Ein Staatsarchiv kümmert sich im Wesentlichen um die Überlieferung a) der drei Gewalten in den souveränen Staaten im Gebiet seines Bundeslandes: Staatsoberhaupt, Regierung, Ministerien, nachgeordnete Staatsbehörden, Parlament, Gerichte, einschließlich aller im 16. und 19. Jahrhundert säkularisierten bzw. mediatisierten Herrschaften; b) der Länder innerhalb des zweiten und dritten Reichs, unter alliierter Besatzung und in der Bundesrepublik respektive DDR.

Die Staats- bzw. Landesarchive in den neuen Bundesländern verwahren außerdem die Überlieferung der Volkseigenen Betriebe der DDR, darin enthalten sind üblicherweise weit vor das Jahr 1945 zurückreichende Vorakten der verstaatlichten Privatunternehmen, aus denen sich später der jeweilige VEB zusammensetzte.

Internetadressen: Sind alle versammelt auf der Homepage der Archivschule Marburg, dort "Archive im Internet" anklicken.

Verhaftete Angehörige des "communistischen Bundes" 1851 [2 Bilder]Verhaftete Angehörige des "communistischen Bundes" 1851 [2 Bilder]


Kommunalarchive

Im Stadtarchiv liegt das Schriftgut der kommunalen Selbstverwaltung seit dem Mittelalter. Häuser mit längerer Tradition bieten über das Verwaltungsschriftgut hinaus auch reichhaltige, nicht nur ortsgeschichtlich, sondern allgemein kulturhistorisch bedeutende Sonderbestände und Sammlungen, beispielsweise von Flugblättern, Kalendern, Münzen und Medaillen, politischen Plakaten, Postkarten, Spielkarten, Stadtansichten, Theaterprogrammen, Wanderbüchern usw. usf.


Archive ehemaliger Reichsstädte dokumentieren für die Zeit bis um 1800 die eigene Landesherrschaft und -hoheit, ähneln in dieser Beziehung also kleinen Staats- oder guten Adelsarchiven. Keinesfalls dürfen Sie annehmen, im Stadtarchiv Talberg alles Wesentliche zur Stadtgeschichte von Talberg vorzufinden; je nach rechtlich-administrativer Kompetenz steht reichliches Material über Talberg in den Magazinen der zuständigen Reichs-/Bundes-, Landes- und Kreisarchive. [Siehe 4.1] Generell scheint mir die Überlieferung in Kommunalarchiven zur Erforschung konkreter sozialgeschichtlicher Fragen vergleichsweise gut geeignet.

Für die fachgerechte Betreuung kleinerer Kommunalarchive, die keine eigenen Archivare beschäftigen, existieren in Deutschland zwei Modelle: In Nordrhein-Westfalen die Archivberatungsstellen der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen; in Baden-Württemberg die flächendeckend hauptamtlich besetzten Kreisarchive, die, wiewohl sie in Gestalt der Oberamts- und Kreis- auch untere staatliche Überlieferung betreuen, doch im Kern gebündelte Kommunalarchivpflege betreiben. Die neuen Bundesländer sind recht dicht mit Kreisarchiven versehen, in den alten außerhalb des Südwestens bestehen solche Einrichtungen nur lückenhaft.

Internetadressen: Gesammelt über die Homepage der Archivschule Marburg, zu haben, dort "Archive im Internet" und weiter "Kommunalarchive" anklicken.


Kirchliche Archive

Kirchliche Archive sind analytisch in drei Gruppen zu teilen: a) die zentralen der Diözesen bzw. Landeskirchen; b) Spezialarchive, z.B. der Diakonie oder von Ordensgemeinschaften; c) die Pfarrarchive.


Die beiden großen Konfessionen in Deutschland haben ihre je eigene, per Staatsvertrag geregelte Archivverwaltung. Der Hauptunterschied dürfte darin bestehen, dass das katholische Archivwesen zentraler organisiert ist, für die katholischen Pfarrarchive zum Beispiel ist das zuständige Diözesanarchiv verantwortlich. Dagegen bleiben evangelische Pfarrarchive stets Eigentum der jeweiligen Kirchengemeinde, die Landeskirche unterstützt sie nur bei der Archivpflege.

Herausragende Themenkomplexe, zu deren Erforschung Sie (selbstverständlich nicht exklusiv) kirchliche Archivquellen auswerten sollten, sind die Bereiche Schulwesen und Bildung, Armenwesen und Sozialfürsorge, auch die allgemeine politische Geschichte, die die Kirchen als prägende gesellschaftliche Kraft immer mitgestaltet haben. Unabdingbar sind Quellen aus Kirchenarchiven für jede Ortsgeschichtsschreibung. Die Kirchenbücher, also die vom 16. bis weit ins 19. Jahrhundert geführten Personenstandsregister stellen DIE Quelle schlechthin für Familienforscher und Genealogen dar. Diese Tauf-, Ehe- und Totenverzeichnisse werden vielfach nicht mehr im Original vorgelegt, da sie schon deutliche Spuren der Beschädigung durch häufigen, selbst sachgemäßen Gebrauch zeigen.


Sofern Sie ein Pfarrarchiv benutzen möchten, sollten Sie den Zugang über das zuständige landeskirchliche respektive Diözesanarchiv suchen. Zum einen liegt dort eine erkleckliche Anzahl der Pfarrarchive deponiert. Zum anderen werden Sie dort kompetente Ansprechpartner finden, die Ihnen gewiss besser helfen können als der überlastete örtliche Pfarrer, der sich heute in der Regel weder in "seinem" Archiv noch in der Ortsgeschichte sonderlich gut auskennen kann.

Im Diözesan- bzw. landeskirchlichen Archiv wird man Ihnen auch die komplizierte Überlieferungslage erklären. In Worms beispielsweise verwahrt das kommunale Archiv die Kirchenbücher aller städtischen Pfarreien und Religionsgemeinschaften.

Internetadressen: Archive der evangelischen Landeskirchen unter <http://www.ekd.de/archive>

Ausgewählte Bestände der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers unter <http://lkah.archiv-online.net/>

Katholische Kirche: vor allem Bistumsarchive, deren Homepages über die der Diözesen zu erreichen sind. Beispiele: <http://www.kath.de/bistum/regensburg/archiv> oder <http://www.bistum-hildesheim.de/kultur/archiv.html>.


Archive an Universitäten und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen

Archive insbesondere traditionsreicher Landesuniversitäten bieten klassischerweise Einblick in die Studenten-Matrikel, die Protokolle der Selbstverwaltungsgremien, in wissenschaftliche Nachlässe von Professoren, Sammlungen von Flugblättern und dergleichen.

Neben Archiven DER Hochschulen gibt es zahlreiche Archive AN Hochschulen, wie das südwestdeutsche Archiv für Architektur und Ingenieurbau an der Universität Karlsruhe, Internetadresse <http://www.saai.de>

Umfassende Liste via <http://www.uni-marburg.de/archivschule>, dort "Archive im Internet" und weiter "Universitätsarchive und Archive sonstiger [wissenschaftlicher] Institutionen" anklicken.


Herrschafts-, Haus- und Familienarchive

sind üblicherweise Adelsarchive. Jedes noch blühende Geschlecht verfügt über sein Archiv in privatem Eigentum. Bei Adelsarchiven bestehen völlig unterschiedliche Qualitäten hinsichtlich Aufbewahrung, Erschließungsgrad und Benutzungsmöglichkeiten, so dass hier keine generellen Aussagen möglich sind. Archive erloschener Geschlechter liegen in der Regel im zuständigen Staatsarchiv, solche bestehender bisweilen auch.

Der Wirtschaftskonzern "Fürsten von Thurn und Taxis" hat sich jüngst als Trendsetter erwiesen, indem er die fünf Angestellten seiner seit 226 Jahren bestehenden Abteilung "Hofbibliothek und Archiv" dem freien Arbeitsmarkt zurückgegeben hat und die Bestände ab Anfang 2004 auf öffentliche Rechnung von der Universität Regensburg betreuen lässt.

Sofern Sie in einem Adelsarchiv forschen möchten und die Familie nicht kennen, empfiehlt sich eine mittelbare Kontaktaufnahme über das zuständige Staatsarchiv, mancherorts auch das Kreisarchiv.


Die Herrschaft der reichsfreien Herren von Liberbaro unterschied sich im Wesentlichen nur durch ihren Umfang vom Fürstbistum Münster, vom Kurfürstentum Sachsen und von den anderen Großterritorien. Deshalb gleichen Bestände vor 1800 in Adelsarchiven Zwergausgaben von solchen der Landesherrschaften im Staatsarchiv – mit folgenden beiden Einschränkungen: Eine Trennung zwischen familiärem und öffentlichem Bereich, also etwa zwischen Privatschatulle und Staatshaushalt, Privatvereinbarung und Staatsvertrag, ist im Adelsarchiv faktisch unmöglich zu ziehen. Vor allem wegen des rudimentären administrativen Apparats muss auch mit häufigeren und größeren Überlieferungslücken gerechnet werden.

In den Beständen ab dem 19. Jahrhundert wandelt das typische Adelsarchiv seinen Charakter allmählich in Richtung eines Wirtschaftsarchivs, naturgemäß mit einer Gutswirtschaft im Zentrum, ergänzt gegebenenfalls von gewerblichen "Unternehmenstöchtern" wie Weinkellereien, Brauereien, Gastwirtschaften und dergleichen.

Vereinigte Westfälische Adelsarchive im Internet: <http://www.adelsarchive.de>. Verzeichnis der Adelsarchive in Baden-Württemberg: <http://www.lad-bw.de/fr-frag.htm>, weiter klicken auf "Archivarische Fachaufgaben", dann "Denkmalschutz im Archivwesen".


Wirtschaftsarchive

Unternehmensarchive

unterhalten nur wenige große Firmen in Deutschland. Die Fülle von Einträgen im Handbuch "Deutsche Wirtschaftsarchive" trügt. Eine den öffentlich-rechtlichen Archiven vergleichbare Archivführung einschließlich allgemeinem Zugang gewähren nur die meisten Gesellschaften aus dem Dax-30-Segment, insbesondere der Automobil-, Bank- und Chemiebranche, auch einige im M-Dax notierte Gesellschaften wie Celesio (früher GEHE) und Zeiss sowie wenige traditionsreiche Gesellschaften anderer Rechtsformen wie Bosch; insgesamt werden es kaum mehr als drei Dutzend sein.


Regionale Wirtschaftsarchive

kümmern sich innerhalb ihres "Sprengels" zum einen um das Archivgut aufgelöster, selbstverständlich nicht sämtlicher Wirtschaftsbetriebe, sondern solcher, die in ihrer Branche, als Typ, aufgrund ihrer historischen Bedeutung die Wirtschaftsgeschichte der Region repräsentieren. Sie betreuen zum anderen quasi als externe Dienstleister die historischen Archive von bestehenden Unternehmen, die sich kein eigenes Archiv leisten können oder wollen. Das Beständeprofil, das heißt von welchen Unternehmen das Wirtschaftsarchiv Material verwahrt, hängt weitgehend von Zufällen ab, etwa von der Aufgeschlossenheit eines Konkursverwalters für wirtschaftsgeschichtliche Fragen oder vom (Des-) Interesse der Vorstandsmitglieder an der eigenen Konzerngeschichte.


Zur Zeit arbeiten Wirtschaftsarchive für Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, das Rheinland in Köln, Westfalen in Dortmund und Sachsen.


Da der archivische Aufwand erheblich höher ausfällt als im öffentlichen Sektor, können Wirtschaftsarchive vielfach nur sicher verwahren, beim Erschließen schieben sie eine anschwellende Bugwelle vor sich her. Im Regelfall – rühmliche Ausnahmen sind rar – gilt: Wirtschaftsunternehmen kennen keinen Aktenplan, pflegen auch keine Registratur zu führen; somit gelangen Firmenbestände in vollkommener Nicht-Ordnung ins Archiv. Unternehmen als juristische Privatpersonen unterliegen keiner Abgabepflicht, so besteht für sie auch kein Anlass, das, was sie einem Archiv überlassen, zu klassifizieren oder gar eine Abgabeliste anzufertigen. Sie sollten dies wissen, falls man Ihnen für gewünschte Bestände keine oder mangelhafte Repertorien vorlegt oder Sie manche Unterlagen wegen ihres Kraut-und-Rüben-Zustands nicht durchsehen lässt.

Ein regionales Wirtschaftsarchiv verwahrt vieles auf der Grundlage von Privatverträgen. Häufig bleiben abgebende Firmen oder Personen Eigentümer der Bestände, was sich auf die Benutzungsmodalitäten auswirken kann; gegebenenfalls müssen Sie eine Erlaubnis einholen.


Parlaments-, Parteien-, Verbandsarchive

Der Deutsche Bundestag, die Landtage, die politischen Parteien und Gewerkschaften führen eigene Archive. Bei den Parlamentsarchiven handelt es sich in erster Linie um Dokumentationszentren, die für die Abgeordneten arbeiten. Im Bund und der Mehrzahl der Länder, wie zum Beispiel Rheinland-Pfalz, führen die Parlamente mit der Dokumentation verbundene Historische Archive. Einige Landtage, wie Schleswig-Holstein, geben ihre historische Überlieferung an das Staatsarchiv ab. Die Parlamentsdokumentation stützt sich überall auf (für Archive vergleichsweise) moderne EDV-Systeme, die meist eine Volltextrecherche ermöglichen. Sie werden hier reichlich Material über die politisch-parlamentarische Tätigkeit von Abgeordneten finden; eher private Unterlagen dagegen, oder auch die Akten der Fraktionen, liegen in den Parteiarchiven.

Diese stehen wie die Archive der Gewerkschaften nicht unter öffentlicher Trägerschaft, was sich auf die Nutzungsbedingungen und -modalitäten auswirkt. Am besten, Sie erkundigen sich vorher.

Internetadressen: <http://www.uni-marburg.de/archivschule>, dort über "Archive im Internet" zu "Parlamentsarchive und Archive politischer Parteien und Verbände" klicken.


Medienarchive

Rundfunkanstalten wie ARD, Deutschlandradio und ZDF unterhalten eigene Archive. Jede größere und renommiertere Zeitung führt ihr eigenes Pressearchiv. Verschiedene kommerzielle Bildarchive bieten ihre Dienste öffentlich an. Die genannten Medienarchive werden meist als Privatarchive geführt, deshalb sollten Sie sich im Vorfeld nach den Zugangsbestimmungen erkundigen.

Internetadressen: <http://www.uni-marburg.de/archivschule>, dort über "Archive im Internet" zu "Medienarchive" klicken.

Titelseite des "Illustrierten Blattes" vom 18. März 1919


Sonstige Archive

Neben den in 3.1 bis 3.9 genannten besteht ein bunter Strauß an weiteren Archiven bzw. Sammlungen, sei es von institutionellen, sei es von selbst organisierten Trägern. Um dieses weite Feld abzustecken, seien willkürlich und sehr unvollständig folgende Beispiele genannt: Das Literaturarchiv Marbach; das Vereinsarchiv des TV Schmie in Württemberg; das Tagebucharchiv im südbadischen Emmendingen; das Archiv der Münchener Arbeiterbewegung; die Archive der neuen sozialen Bewegungen (Frauen-, Umwelt-, usw.), deren Adressen 2003 in Buchform aufgelistet erschienen sind (siehe Anhang Literatur oder hier. Literaturarchive unter <http://www.phil.uni-erlangen.de/~p2gerlw/ressourc/archiv.html>.

Bei allen diesen unter Archiv firmierenden Einrichtungen nichtöffentlicher Träger gilt es, die fließenden Übergänge zu Sammlungen zu beachten. Von jeglicher »Wertigkeit« des Schriftguts völlig unberührt, reicht es weit in die Quellenkritik hinein, ob Schriftgut amtlich auf Schreibtische und endlich in ein Archiv gelangt ist, oder aus Zufall (Beispiel Tagebucharchiv) oder weil jemand befunden hat, dies sei ein wichtiges Dokument, das in die Sammlung gehöre (Beispiel soziale Bewegungen).


Von der Frage zur Quelle. Der Weg der Recherche

Vorweg bemerkt: Wer im Archiv recherchiert, benötigt Geduld und Frustrationstoleranz. Es existiert wohl kein anderes Informationsmedium, bei dem das Verhältnis zwischen Zeitaufwand und quantitativem Ertrag derart miserabel ausfällt. Aber: Wer nicht aus fünfzig Büchern das 51. zusammenschreiben will, dem bleibt kaum eine andere Möglichkeit. Archivalien bieten nicht nur die Chance, etwas völlig Neues zu entdecken, sondern auch die Grundlage dafür, in Ehren ergraute wissenschaftliche Erkenntnisse an der Quelle zu überprüfen und gegebenenfalls mit besserer Beweiskraft vom Sockel zu stoßen.


Die richtigen Archive ermitteln

Eine gewisse Hilflosigkeit beim ersten Schritt von der Fragestellung zum Archiv ist nur allzu verständlich. Oft ist es banal klar, welches Archiv das richtige ist, doch häufig erschließt sich diese Materie selbst Professionellen nicht ohne weiteres.

Gemäß Ihrem Erkenntnisinteresse, Ihrer spezifischen Fragestellung wäre analytisch zu klären

a) die staatsrechtlich-politische Ebene

Welchem territorialstaatlichen Gebilde gehörte das Untersuchungsgebiet vor und nach den bekannten politischen Umbrüchen an, insbesondere den Säkularisierungen im 16. und 19. Jahrhundert, der Mediatisierung im 19. Jahrhundert, den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts? Es gilt das Prinzip der so genannten "Archivfolge", das bedeutet: Das Archiv folgt der Herrschaft. So gelangten die Verwaltungsunterlagen des Esslinger Katharinenhospitals in der Reformationszeit unter die Obhut der Reichsstadt und sind heute im Stadtarchiv zu benutzen. Der Landgraf von Hessen übernahm 1533 mit dem Kloster Haina auch dessen Urkunden, die heute im Staatsarchiv Marburg liegen. Die Akten der Provinzialverwaltung Brandenburg im Landeshauptarchiv Potsdam beziehen sich selbstverständlich auf alle zu Brandenburg gehörigen Gebiete, auch die östlich der Oder. Das 1945 geflüchtete Staatsarchiv Königsberg wird seither von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Geheimen (das heißt nur noch so) Staatsarchiv zu Berlin gepflegt.

Vordergründig simpel scheint die Sachlage in Kommunalarchiven: Da liegt alles zur Stadtgeschichte? Mitnichten. Die Stadt Konstanz zum Beispiel verlor 1548 ihre Reichsfreiheit, gehörte für die folgenden zwei Jahrhunderte administrativ zu den österreichischen Vorlanden, bis 1806 zur Provinz Vorderösterreich, anschließend zum Seekreis im Großherzogtum Baden. Folglich liegt reiche Überlieferung zur Stadt Konstanz in der Frühen Neuzeit im Landesarchiv in Innsbruck und (auch für die Zeit danach) im Generallandesarchiv Karlsruhe. Die Beschäftigung der nächst höheren Verwaltungsebene mit Konstanz im Alten Reich dokumentiert das Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien. Dazu treten selbstredend zahlreiche weitere Archive, in denen Stadt-Konstanz-Betreffe zu finden wären.


b) Die räumliche Zuständigkeit

Jedes Archiv hat einen räumlichen Zuständigkeitsbereich, den so genannten "Archivsprengel". Konkret ausgedrückt, kümmert sich ein Archiv z.B. um die angemessene Überlieferung aller kirchlichen Amtsstellen in der Diözese, aller Landesbehörden im Regierungsbezirk, aller Unternehmen, Kammern und Wirtschaftsverbände im Bundesland. Diese Angabe gehört zu den Basisinformationen, die Sie auf jeder Archiv-Homepage finden.


c) Die sachliche Zuständigkeit

Immer in Bezug zur Fragestellung sollten Sie herausfinden, welche Behörden – häufig handelt es sich um mehrere – für das interessierende Sachgebiet zuständig waren.


Ein klassisches Beispiel für diese Frage ist der Verwaltungsbereich "Kirche", der für beide Konfessionen bis ins 19 Jahrhundert hinein das zumal niedere Schulwesen organisierte. Wenn Sie also z.B. zur "Elementarbildung im Zeitalter der Aufklärung" forschen möchten, dann sollten Sie zunächst die regional zuständigen kirchlichen Archive aufsuchen. Ebenso führten kirchliche Stellen die Personenstandsregister, wesentliche Quelle in genealogischen Fragen.

Zum anderen, etwas verwickelteren Beispiel, war in Württemberg im 19. und 20. Jahrhundert das Sachgebiet "Statistik und Landesbeschreibung" dem Ressort des Finanzministeriums zugeteilt. In Baden gehörte dasselbe Sachgebiet zunächst zum Handels-, später zum Innenministerium.

Einen, unterschiedlich guten, Überblick über diese Materie bieten Verwaltungshandbücher, die in jedem besseren Archiv im Benutzersaal stehen (Beispiel: Alfred Dehlinger, Württembergs Staatswesen in seiner geschichtlichen Entwicklung bis heute, 2 Bände 1951 und 1953). In einzelnen Jahrgängen sehr ausführliche Aufgabenbeschreibungen der Ministerien und ihrer untergeordneten Abteilungen bieten die Hof- und Staatshandbücher des 19. Jahrhunderts.


Für die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft gilt es zu berücksichtigen, dass es die Nazis liebten, reguläre Behördenzüge aufzubrechen und parallel zur hergebracht zuständigen Stelle den "Sonderbeauftragten des Führers (respektive Gauleiters oder Oberbürgermeisters) für das Sowiesowesen" zu installieren. Auf Reichsebene liegen dessen Unterlagen im Bundesarchiv, man muss nur den Bestand herausfinden. Auf Länder-, Gau- und kommunaler Ebene lief dies auf eine schräge, oft nur schwer nachzuvollziehende mehrfache Teilüberlieferung hinaus. Konkret: Unterlagen über Zwangsarbeiter oder die Tätigkeit der Geheimen Staatspolizei oder die Lebensmittelversorgung während des Zweiten Weltkriegs müssen so ungefähr überall vermutet werden.

Das gleiche gilt für schriftliche Nachlässe, die außer in Archiven auch von Bibliotheken und Museen verwahrt werden. Im Zeitalter des Internet helfen die Zentrale Datenbank Nachlässe des Bundesarchivs und das Kalliope-Portal der StaBi Berlin.

Über Möglichkeiten der Archivrecherche bei einer biografischen Fragestellung ist kürzlich ein Aufsatz von Jürgen Treffeisen erschienen: [hier]

Um Sie nicht womöglich von einer Archivbenutzung abzuschrecken, bleibt das weitere Feld der Sonderfälle und Ausnahmen hier unbestellt. Stattdessen beschließe eine praktische Empfehlung diesen Abschnitt: Ermitteln Sie, am besten anhand einer jüngeren Dissertation oder anderer wissenschaftlicher Literatur, das erste Archiv mit wesentlichem Quellenbestand zum Thema. Dort stellen Sie Ihr Forschungsvorhaben vor und fragen, wo weitere einschlägige Quellen zu erwarten oder vermuten sind. Professionelle Kolleginnen und Kollegen wissen in konkreten Einzelfällen am besten Bescheid.


Die archivischen Find-Hilfsmittel

Im Zusammenhang dieses Abschnitts vermeide ich den Begriff "suchen", da der zu sehr nach Zufall oder Volltextrecherche klingt. Beides kommt im Archiv zwar auch vor, aber grundsätzlich gelangt man hier durch Ermitteln an sein Ziel, man kombiniert sozusagen vom Stamm über den Ast und den Zweig bis hin zum Blatt.


Gesamtübersicht über die Bestände

Ein "Bestand" im Archiv ist die Überlieferung (von bleibendem Wert), die von einer bestimmten funktionell und zeitlich abgegrenzten Organisationseinheit stammt. Folglich gibt die Beständeübersicht einen Überblick darüber, woher das Archiv seine Archivalien hat; diese Herkunft erlaubt erste Schlüsse, welche Formen und Inhalte zu erwarten sind.

Beispiele für "Bestände", jeweils noch zeitlich eingegrenzt, sind: "Kultusministerium", "Bezirksamt Wolfach", "Reichsstädtischer Rat", "Werft Bremer Vulkan", "SA-Gruppe Kurpfalz", "Nachlass Rudolf Ditzen" oder auch "Technische Pläne III: Patentschriften".


Findbuch

Das Findbuch beschreibt einen Bestand. Grundeinheit im Findbuch ist die – entsprechend einer Klassifikation – platzierte einzelne Akte (analog auch der Band, die Karte, die Konstruktionszeichnung, das Foto, ggf. gruppenweise, z.B. als Fotoalbum oder thematische Gruppe "5 Luftaufnahmen des Neubaugebiets Flurgewann 1970–79").


Die einzelne Akte wird im Findbuch mit folgenden Merkmalen beschrieben:

a) Titel, das ist der kurze und alles umfassende Betreff à la "Finanzierung des Rathausneubaus" oder "Maßnahmen zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", bei Personalakten einfach "Katharina Blum".

b) Enthält- und Darin-Vermerke beschreiben, soweit nötig, den Inhalt näher, nennen vorkommende (wesentliche) Personen und Orte, weisen auf Besonderheiten hin.

c) Die Laufzeit gibt an, von wann bis wann die Akte gebildet, also mit Inhalt gefüllt wurde. Unerheblich ist hier, auf welchen Zeitraum sie sich bezieht. Eine Akte "Planungen zum Rhein-Main-Donau-Kanal" mag zwar Wissenswertes über die Fossa Carolina enthalten, ihre Laufzeit beginnt deshalb nicht mit Karl dem Großen (derlei Angaben gehören ggf. in den Titel oder den Enthält-Vermerk).

d) Die Einheit oder Größenordnung lautet z.B. "1 Faszikel", "1 Band", "3 cm" [dick], "8 Blatt" oder ähnlich.

e) Die eindeutige Bestellnummer der Akte sollte man nicht verwechseln mit der ebenfalls häufig vergebenen Ordnungsnummer des Stücks im Findbuch. Diese Bestellnummer gehört auch in die korrekte Zitation nach dem Schema Archiv / Bestandskürzel / Bestellnummer (ggf. weiter Blatt oder Seite oder Datierung). Beispiel: "Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg (oder abgekürzt "WABW") / B 1009 / Bü 181".


Inventar

Ein Inventar gleicht dem Findbuch, ist aber eher zum Druck oder für das Internet, jedenfalls für eine breite Öffentlichkeit bestimmt. Gesamtinventare beschreiben die Bestände eines Archivs ausführlich, einschließlich Behördengeschichte und Angaben zu andernorts liegenden einschlägigen Quellen. Sachthematische Inventare filtern quer durch mehrere Bestände eines Archivs oder auch durch mehrere Archive alle Akten und anderen Grundeinheiten zum Thema heraus, z.B. den Aspekt "Technikgeschichte".


Online-Findmittel

Ins Internet sind bislang, wenn überhaupt, vor allem Beständeübersichten und Inventare gelangt. Das Einstellen detaillierterer Findbücher ins Netz wird derzeit in Fachkreisen diskutiert, und zwar vor allem unter der Frage, ob man so unter Umständen zu delikate Informationen unkontrolliert preisgibt. Viele Findbücher belegen in Teilen Archivgut, das noch einer Sperrfrist unterliegt; und selbst wenn Sperrfristen abgelaufen sind, möchte ich als Archivar wenigstens mitbekommen, wer da ein berechtigtes Interesse hat, die Tatsache "Gerichtsverfahren gegen Manni Mustermann wegen Konkursbetrugs 1972" zu erfahren.


Varianz der Archivalquellen

Archivgut (im strengen Sinne wie in 2.2 ausgeführt) liegt in Gestalt verschiedener Informationsträger oder Speichermedien vor.


Texte

Den größten Raum in Archivmagazinen nimmt der "klassische" Informationsspeicher Papier ein, in mehr oder minder fest formierten Einheiten. Fest gebunden, meist mit Deckel, phänotypisch wie ein Buch aussehend, läuft das unter "Amtsbuch" oder "Geschäftsbuch" mit der Grundeinheit "1 Band". Die Einheiten bei den Akten, deren Blätter geheftet oder einfach lose übereinander gelegt sind, bezeichnet man regional unterschiedlich als "Aktenband", "Aktenheft", "Büschel", "Faszikel" oder "Konvolut". Eine Urkunde ist eine solche, wenn sie bestimmte formale Kriterien erfüllt; sie darf auf Pergament oder Papier geschrieben sein; wegen der oft anhängenden Siegel werden Urkunden üblicherweise als "Selekt" geführt, also als eigener (Teil-)Bestand separat verzeichnet und gelagert. Archive enthalten auch reichlich Druckschriften, teils in gesonderten Sammlungsbeständen, teils in zugehörige Akteneinheiten integriert: Insbesondere Zeitungen, Rundschreiben, Erlasse, Flugblätter, Kalender, den bunten Strauß an "grauer" Literatur (ohne ISB-Nummer), wie Jahresberichte, Festschriften, historiographische Traktate, technische Anleitungen, usw. usf.


Bilder

Für Bilder im Archiv (ausgenommen spezielle Bildarchive) gilt das gleiche wie für die Druckschriften: Sie liegen teils in Sondersammlungen, teils eingebettet (oder auch verstreut) in Akten-Beständen. Nichts kommt nicht vor: illustrierte Ahnentafeln bzw. Stammbäume, so genannte Augenschein-Karten und andere amtliche Zeichnungen von Landschaften, Orten und Gebäuden, Karten, Baupläne, Konstruktionszeichnungen, Fotografien (von der Schwarzweiß-Glasplatte bis zum Farb-Papierabzug), Plakate, Postkarten, Schaubilder, Buchillustrationen, bildende Kunst (in der Regel zweidimensional, vom Druck bis zum Ölgemälde) – die Reihe ist gewiss unvollständig.


AVD / Multimedia / Neue Medien

Andere als zweidimensionale Text- oder Bildträger gelangen selten in Archive, ausgenommen selbstredend die Medienarchive. Über den Daumen gepeilt, dürfte sich das quantitative Verhältnis der Gattungen Text / Bild / neue Medien im Durchschnittsarchiv derzeit auf 1000 zu 25 zu 1 belaufen. In kleineren Archiven könnte die Nutzung wegen des Fehlens geeigneter Abspielgeräte für die Tonbänder, Audiokassetten, Polyethylen- und Videofilme Probleme bereiten. Künftig wird wohl zunehmend auch mit elektronischen Speichermedien wie Disketten und CDs zu rechnen sein.

Einen Sonderfall bilden Mikrofilme und Mikrofiches, die in der Regel als Schutz- oder Ersatzverfilmung von Akten, Urkunden, Karten und Fotos angefertigt wurden.


Museale Gegenstände

findet man nur ausnahmsweise in einem Archiv. Solche Ausnahmen können im Staatsarchiv die als Beweisstück in der Gerichtsakte angehängte Schere vom Kindsmörderinnen-Prozess aus dem 18. Jahrhundert sein; im Vereinsarchiv die Siegespokale; im Wirtschaftsarchiv allerlei Reklameträger, wie Textilien mit Aufdruck, Spardosen oder dreidimensionale Werbefiguren.


Wahrung persönlicher Rechte mit Hilfe von Archivalien

Heute gelten Archive in erster Linie als Quellenspeicher für die historische Forschung. Diese Entwicklung nahmen sie jedoch erst im Lauf des 19. Jahrhunderts, nach einer so genannten "kopernikanischen Wende" im Zuge der französischen Revolution. Zuvor dienten Archive ihren Trägern einzig als Schatzkammern, in denen sie materiell wertvolle juristische Beweismittel für ihre Rechte bunkerten. Der juristische Aspekt ist heute im öffentlichen Bewusstsein etwas in den Hintergrund getreten, gilt aber immer noch.

In Archiven aufbewahrte Schriftstücke können Menschen bei der Wahrung persönlicher Rechte helfen, man denke etwa an die aktuellen Nachweise über Zwangsarbeit, an Nachweise von Ausbildungsabschlüssen, oder von Nutzungsrechten, wie es ein Beispiel aus dem Jahr 1999 zeigt: "An einem Freitagabend gegen 19.30 Uhr betrat ein Ehepaar unser Archiv, um eine vorbestellte Akte einzusehen. Die beiden hatten erkennbar Schwierigkeiten bei der Lektüre und so ergab es sich, dass ich ihnen die Bauakte vom Ende des 19. Jahrhunderts vorlas. Mit jedem Satz, den ich las, hellten sich die Mienen des Ehepaars auf, bis sie ihre Geschichte erzählten: Ihre kleine Eisen verarbeitende Fabrik lag in einem Wohngebiet und sollte auf Anweisung der Gemeinde in das Industriegebiet verlegt werden. Für die Umsiedlung fehlte aber das Geld. Der Betrieb und knapp 10 Arbeitsplätze standen – trotz der Beratung von mehreren Rechtsanwälten – auf dem Spiel. Die vorgelegte Bauakte enthielt nun die Baugenehmigung für eine Schmiede an dem Standort der heutigen Fabrik samt Zustimmung von Gemeinde und Einverständnis der Nachbarn. Damit war auch der heutige Betrieb gerettet. Als die beiden das Archiv verließen, drehte sich der Mann noch einmal um und meinte: »Wenn wir eher gewusst hätten, dass hier diese Unterlagen sind, hätten wir uns viel Geld sparen können.« Und mir stellte sich die Frage: »Welche Chance hatte dieses Ehepaar, von einem Archiv und seinen Aufgaben überhaupt zu wissen?« Wenn wir ehrlich sind: keine." [2]

Ähnlich gelagerte Fälle sind so genannte Grunddienstbarkeiten wie Durchfahrts- oder Wegerechte. Wassernutzungs- und Mühlenrechte gelten, sofern sie nicht abgelöst wurden, ewig: Mit einem Wasserrecht aus dem 16. Jahrhundert, das eine Kollegin 1994 nachwies, gewann ein Bürger seinen Prozess gegen die Kommune um seine private Wasserkraftanlage, mit der er dann weiter eigenen Strom erzeugen durfte. Die Staatsarchive in den neuen Bundesländern haben in den vergangenen Jahren einen erheblichen Teil ihres Personals zu nichts anderem eingesetzt, als Restitutionsansprüche mit Auszügen aus den Grundbüchern (allein im Landeshauptarchiv Potsdam: acht Regalkilometer) zu unterfüttern.


[2] Clemens Rehm: Zauberwort "Archivpädagogik". Vortrag am 12.10.2000 auf dem Deutschen Archivtag in Nürnberg. In: <http://www.archivpaedagogen.de/allgemei/archivarchipaed.htm> Ein weiteres Beispiel vom Dezember 2003: <http://www.findbuch.net/augiasnet>


Nutzungsbestimmungen

Archivgesetze und Sperrfristen bei Archivalien

Abgesehen vom staatlichen Schriftgut der untergegangenen DDR unterliegen Archivalien in Deutschland gesetzlich fixierten Sperr- und Schutzfristen; das bedeutet, nur diejenigen, die bestimmte Unterlagen selbst produziert haben – oder von ihnen autorisierte Personen – dürfen sie vor Ablauf der Frist einsehen.

Diese Sperrfristen sind nicht als Schikane erdacht worden. Sie bilden sozusagen den Kompromiss zwischen zwei einander widersprechenden Rechtsgütern, nämlich einerseits dem Grundrecht der Informations- und Wissenschaftsfreiheit nach Artikel 5 Grundgesetz, zu dem auch das Recht gehört, sich "aus allgemein zugänglichen Quellen" auch in Archiven "ungehindert zu unterrichten", andererseits dem im Volkszählungs-Urteil des Bundesverfassungsgerichts 1987 erkannten Recht jeder Einzelperson auf informationelle Selbstbestimmung – etwas vulgarisiert auch bekannt unter dem Begriff "Datenschutz". Behörden dürfen Daten über uns Bürger nur sammeln und speichern, soweit sie diese Daten unmittelbar für hoheitliche Verwaltungsakte benötigen. Als Konsequenz hieraus müsste jede Behörde die spannendsten Teile ihres Schriftguts komplett vernichten, sobald der betreffende Verwaltungsakt abgeschlossen ist. Keine Akte, in der eine Person vorkommt, würde mehr in ein Archiv gelangen.


Um also den Widerspruch zwischen dem Schutz des Einzelnen vor einem Überwachungsstaat und dem Recht der Öffentlichkeit auf ungehinderte Information aus allen Quellen aufzulösen, hat die Legislative in Bund und Ländern die Archivgesetze beschlossen, darin unter anderem Sperrfristen für die öffentliche Einsichtnahme festgelegt. Die Unterschiede in den Archivgesetzen der 16 Länder und des Bundes wirken sich auf die Benutzung allenfalls ausnahmsweise aus. Überwiegend gilt:


Sachakten

Sachakten und andere sachbezogene Informationsträger (wie in 5.2 bis 5.4) werden 30 Jahre nach ihrem Entstehen zur öffentlichen Einsicht frei. Bei Akten mit einer "Laufzeit" über mehrere Jahre beginnt die Sperrfrist in dem Jahr abzulaufen, das auf das Datum des letzten essentiellen Schriftstücks folgt. Konkretes Beispiel: Das letzte wesentliche Schreiben datiert auf 17. Mai 1973, dann beginnt die Sperrfrist am 1. Januar 1974 abzulaufen und endet mit dem 31. Dezember 2003. Vermerke à la "Akte entliehen / 9.11.89 / Meyer II" sind keine wesentlichen Einträge und begründen somit auch keine Verlängerung der Sperrfrist.

Bei Unterlagen, die der besonderen Geheimhaltung unterliegen, verdoppelt sich die Sperrfrist auf 60 Jahre. In der Praxis gelten als besonders geheim in diesem Sinne Steuerunterlagen, Krankenakten, Sozialdaten und dergleichen. In periodischen Abständen geistert die Debatte "Alle Personennamen müssen geschwärzt werden!" durch die Zeitungen. Um eben dies zu verhindern, haben Archivare in umstrittenen Fällen solche langen Sperrfristen in die Gesetzesvorlagen geschrieben.

In privaten, etwa Adels- oder Unternehmensarchiven könnte es Ihnen passieren, dass Unterlagen mit astronomisch anmutenden Sperrfristen von 50 oder 100 Jahren versehen sind. Doch bevor Sie sich darüber ärgern, bedenken Sie bitte, dass alternativ mit hoher Wahrscheinlichkeit die Vernichtung erfolgt wäre, und dass Sie eine Akte, die immerhin noch existiert, nach einem Antrag auf verkürzte Sperrfrist vielleicht doch einsehen dürfen. Zum Beispiel möchte ich den Vorstand einer bestimmten Bank sehen, der trotz Verkürzungsantrags auf seiner 60-Jahres-Frist beharrt und entsprechend etwa die Protokolle des Jahres 1945 noch immer unter Verschluss hält.


Personenbezogenes Archivgut

Was personenbezogenes Schriftgut sei, darüber bestehen im Bund und den verschiedenen Ländern leider leicht unterschiedliche Definitionen. Jedenfalls darf das bloße Vorkommen eines oder mehrerer Namen nicht zur Sperrung führen. Das Material muss vielmehr "nach seiner Zweckbestimmung" oder seinem "wesentlichen Inhalt" auf eine natürliche Person bezogen sein, also z.B. als Personalakte. Vor allem schützt der Geist des Gesetzes passiv erfasste Personen, beispielsweise die Patientin in der Psychiatrieakte oder die als Zeugen verhörten Jungen in der Pädophilieprozessakte aus dem Jahr 1940.

Die Sperrfristen dauern hierbei bis 10 Jahre nach Tod der betreffenden Person (Archivgut des Bundes, von Rheinland-Pfalz, Saarland und Sachsen-Anhalt: 30 Jahre). Grundsätzlich obliegt es dem Nutzungsinteressenten, gegebenenfalls den Todeszeitpunkt nachzuweisen. Doch sofern das Todesjahr nicht oder nur mit unverhältnismäßigem Aufwand zu ermitteln wäre, greift alternativ die Sperrfrist von 90 Jahren nach Geburt (Bund und die 3 genannten Länder: 110 Jahre).

Die Divergenz dieser Gesetzespassagen lässt sich so wenig abstreiten wie ein Hauch von Willkür und Inkonsequenz. Doch träfe letzteres wohl auch auf jede andere Regelung zu.


NICHT geschützt, also wie andere Sachakten nach 30 Jahren freigegeben, sind Unterlagen, mit denen Amtsträger amtlich gehandelt haben, also das dienstliche Schriftgut von z.B. 1933 berufenen Universitätsrektoren und Oberbürgermeistern, von Gauleitern, Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes, Wehrmachtsoffizieren, Leiterinnen von Frauen-KZ, usw. usf. – es sei denn, in solchen Unterlagen passiv erfasste Personen würden eine Schutzfrist begründen.

Hinsichtlich der Sperrung oder Freigabe personenbezogenen Schriftguts macht es vor dem Gesetz überhaupt keinen Unterschied, ob die dokumentierte Person vor dem Richterstuhl der Historie als "Täter" oder als "Opfer" erscheint. Die Nachkriegs-Krankenakte eines üblen Nazi-Schergen ist ebenso bis zehn Jahre nach dessen Tod gesperrt, wie das Protokoll einer Sterilisation "zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" bis zehn bzw. 30 Jahre nach dem Tod des 1954 geborenen Kindes dieses Zwangssterilisierten verschlossen bleibt.


Antrag auf Verkürzung der Sperrfrist

Wo immer Sperrfristen wirken, bleibt die Möglichkeit, einen Antrag auf Sperrfristverkürzung zu stellen. Solche Anträge stellt man formlos, sie sollten Selbstverständlichkeiten wie Datum, vollständige Angaben zur eigenen Person, Unterschrift und dergleichen enthalten, auch eine Begründung wird sich empfehlen. Bei privaten Archivalien, wie z.B. dem Schriftgut eines Wirtschaftsunternehmens oder häufig bei wissenschaftlichen Nachlässen, entscheidet der Eigentümer; bei öffentlichem Archivgut ist die Archivleitung oder, so vorhanden, eine Landesarchivverwaltung zuständig.


Weitere Erläuterungen zu den Sperrfristen für Archivalien und amtliches Registraturgut

Die gesetzlichen Sperrfristen gelten überhaupt nicht für alle Archive in Privateigentum, wie Adels-, Unternehmens- und Archive der Parteien und Verbände. Hier setzt der jeweilige private Träger die Bedingungen nach Gutdünken fest.

Von den gesetzlichen Sperrfristen ausgenommen ist jegliches Archivgut, das bereits beim Entstehen zur Veröffentlichung bestimmt war, zum Beispiel Pressemitteilungen, Geschäftsberichte, Werbemittel, Protokolle öffentlicher Gemeinderatssitzungen.

In Deutschland gilt das Prinzip der Trennung von Verwaltung und Archiv; gleichwohl gelten die öffentlich-rechtlichen Sperrfristen nicht nur für die Archive von Bund, Ländern und Kommunen, sondern "im Prinzip" (fast wie bei Radio Eriwan, wo stets das "aber" aus dem "ja" ein "nein" macht) für alle Behörden. Beispielsweise pflegen kommunale Bauämter Pläne zu verwahren, die vor weit mehr als 30 Jahren gezeichnet worden sind. Praktisch ist freilich ein solches Nutzungsbegehren noch nie juristisch durchgefochten worden, was wohl daran liegt, dass kein Außenstehender genau wissen kann, über welche Akten oder Baupläne eine Behörde verfügt. Und selbst wenn Sie als potenzieller Nutzer konkrete Wünsche vorbringen könnten, müssten Sie damit rechnen, abgewiesen zu werden, häufig aus Unkenntnis der Rechtslage oder wegen deren Schwammigkeit.

Es gibt die Rechtsmeinung, wonach das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit in Deutschland sogar den Zugang zu amtlichem Schriftgut ohne jegliche Sperrfristen eröffnet (siehe Udo Schäfer in <www.lad-bw.de/fr-publi.htm>), und zwar unter den Bedingungen a) auf Antrag, b) für wissenschaftliche Zwecke und c) sofern keine personenbezogenen Daten enthalten sind. Noch weiter sind bislang die vier Bundesländer Brandenburg, Berlin, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gegangen, indem sie Akteneinsichts- und Informationsfreiheitsgesetze erlassen haben, die, wieder "im Prinzip", jedermann ohne Begründung ein Einsichtsrecht in alle Behördenunterlagen garantieren.

Ein solches Jedermann-Zugangsrecht ohne Fristen wird schon lange täglich gewährt im Fall bestimmter öffentlicher Dokumente wie der Handelsregister und Grundbücher. In wohl den meisten anderen Fällen wird Ihr gewünschter Blick in die Amtsregistratur scheitern, denn eine Fülle von einschränkenden Ausnahmen hebt das scheinbar fortschrittliche allgemeine Einsichtsrecht gerade dort auf, wo die Unterlagen interessant zu werden beginnen. Der Schutz von Persönlichkeitsrechten Dritter wirkt (zu Recht) weiter, und zusätzlich greift als Allzweckwerkzeug ein vielfältig auslegbares "Amtsgeheimnis", das es stets zu wahren gilt.

Fazit: In Behördenregistraturen recherchieren zu wollen heißt, in einen administrativ-juristischen Dschungel einzudringen. Alleine schon wegen der Infrastruktur, also mit den Findmitteln, einem Lesesaal, meist sachkundigem Personal, selbst den vergleichsweise deutlichen Nutzungsregeln, sind Sie als Forscher in einem Archiv allemal besser bedient.


Der ab und an offen oder implizit geäußerte Verdacht, Archivare würden Herrschaftswissen bunkern, kritische Interessenten abwimmeln und "den Mächtigen" Einsicht in ansonsten geheime Unterlagen gewähren, hat in öffentlichen, fachlich geführten Häusern gewiss noch nie zugetroffen und wird auch künftig unbegründet bleiben. In anderen Fällen, etwa im Rathaus einer kleinen Gemeinde, mag die Unwissenheit archivische Laien bisweilen dazu verleiten, eine berechtigte Nutzung zu verweigern, etwa unter Berufung auf einen nebulösen "Datenschutz".

Sollten Sie als NutzerIn von Sperrfrist-Fragen betroffen sein, dann besorgen Sie sich am besten den Text Ihres Landesarchivgesetzes, das für alle öffentlich-rechtlichen Archive im Bundesland gilt, überdies von vielen privaten Archivträgern freiwillig angewandt wird. In den Staatsarchiven einiger Bundesländer sind Broschüren mit den jeweiligen Landesarchivgesetzen zu haben; zumindest sollten Sie überall eine Kopie erhalten können.

Die Fundstellen aller aktuellen deutschen Archivgesetze (sowie von Kommentaren und Literatur dazu) sind nachgewiesen unter <http://www.uni-marburg.de/archivschule/jurabiblio.html>.

Mit den vorigen Abschnitten haben Sie nun gegebenenfalls eine Faktengrundlage, auf die Sie sich stützen können, um beim Vorgesetzten zu reklamieren.


Andere mögliche Einschränkungen bei der Vorlage von Archivalien

In aller Regel werden Sie im Archiv die authentischen Originale vorgelegt bekommen. In folgenden Ausnahmefällen geschieht dies nicht: a) Der Bestand wird gerade archivisch bearbeitet, also geordnet und verzeichnet oder verfilmt. b) Der Erhaltungszustand der Unterlagen lässt eine Benutzung vorläufig nicht zu, dann bekommen Sie die Stücke entweder später restauriert auf den Tisch oder auf Mikrofilm ins Lesegerät. c) Mehr als überdurchschnittlich häufig benutzte Archivalien wie z.B. Kirchenbücher (Tauf-, Sterbe-, Eheregister), bestimmte Pergamenturkunden, einzelne Karten oder Fotosammlungen dürfen zur Schonung der Originale für künftige Generationen nur in einer Ersatzversion eingesehen werden, also üblicherweise auf Mikrofilm, künftig wohl zunehmend auch in digitalisierter Form.


Benutzungsantrag

Die Existenz des Archivs wird – letztlich ausschließlich – durch die Benutzung legitimiert, und die Anträge belegen diese. Doch die bürokratische Selbstlegitimation ist nur ein Nebenaspekt. Vor allem weisen Sie mit Ihren Angaben Ihr "berechtigtes Interesse" an der Archivnutzung nach, wie es die Archivgesetze fordern. Sei dieses "berechtigte Interesse" nun wissenschaftlicher, kommerzieller, genealogischer Art, oder diene es der Wahrung persönlicher Rechte – alle diese Motive werden anerkannt. Die Angabe des Recherchethemas dient zur Prüfung, ob es sich um eine wissenschaftliche, private oder etwa kommerzielle Nutzung handelt, was eventuell Gebühren nach sich zöge. Bei wissenschaftlichen Arbeiten kann der Archivar am Thema ersehen, ob jemand anderes in letzter Zeit mit denselben Quellen gearbeitet hat, und so vor wissenschaftlichen Kollisionen warnen, oder er kann abschätzen, wo weitere einschlägige Quellen zu finden wären. Die Angaben zum Untersuchungszeitraum dienen als Signal, ob das Archivpersonal etwa auf Sperrfristen achten muss.


Nicht unerheblich ist auch die Plausibilität des Benutzungswunsches im Ganzen. So abseitig es klingen mag, aber es sind wirklich schon Leute mit Pseudo-Forschungsthemen in Archiven erschienen, um alte Briefmarken, prä-philatelistische Poststempel, so genannte "Schnörkelbriefe" oder Pergamenturkunden mit dekorativen Siegeln zu stehlen.


Wenn Sie ein bestimmtes Archiv zum ersten Mal aufsuchen und dort nicht persönlich bekannt sind, sollten Sie ein Personaldokument mitbringen, um sich ausweisen zu können.

Selbstverständlich gibt kein Archiv die erhobenen Daten weiter.


Im Lesesaal

Zusammen mit dem Benutzungsantrag erhalten Sie bei Ihrem ersten Besuch im Lesesaal die Nutzungsordnung. Dort stehen die "Spielregeln" des jeweiligen Archivs beschrieben, von den Öffnungszeiten bis hin etwa zur Anweisung, zum Umblättern von Seiten nicht die Fingerspitzen feucht zu lecken.


Tasche und Mantel müssen Sie, wie auch in anderen Einrichtungen üblich, draußen lassen, um Diebstähle zu erschweren. Das gleichfalls übliche Ess- und Trinkverbot soll nicht nur verhüten, dass jemand seine Butterfinger an der Akte abwischt, sondern schützt auch Sie als Benutzer, da Archivalien alles andere als frei sind von Mikroorganismen. Manche Archive haben schlechte Erfahrungen mit Benutzern gemacht, aus deren defektem Füllfederhalter Tinte auf die mittelalterliche Königsurkunde getropft ist, oder die für ihre Kugelschreibernotizen eine 300 Jahre alte Karte als Unterlage genommen haben, was sich dort natürlich als Relief eindrückt; diese Häuser schreiben die ausschließliche Benutzung von Bleistiften im Lesesaal vor. Größere Archive bieten Sonderräume an, wie zum Beispiel den Gruppenarbeitsraum, den Laptopraum, das Mikrofilmlesezimmer.


Nachdem Sie mit den Repertorien [Siehe 4.2] die gewünschten Archivalien ermittelt haben, schreiben Sie deren Signatur auf einen Bestellzettel. In Archiven mit starker Nutzungsfrequenz gelten so genannte Aushebezeiten: Die Lesesaalaufsicht sammelt die Bestellzettel, und zu festen Uhrzeiten holt ein Mitarbeiter das Gewünschte aus dem Magazin. Viele Archive beschränken die Anzahl der Stücke, die sie Ihnen gleichzeitig auf den Tisch legen, was es insbesondere bei losen Aktenbüscheln erleichtern soll, Zugehörigkeit und Reihenfolge der Papiere zu wahren.


Gebühren, Reproduktionsgenehmigung und Belegexemplar

ie persönliche Nutzung von Archiven für wissenschaftliche oder persönliche Zwecke ist zur Zeit (noch) überwiegend kostenfrei – sofern die gleichermaßen bürgerfeindliche wie unsinnige Idee, Eintrittsgebühren zu erheben, sich nicht noch weiter ausbreitet [Siehe 2.3.4]. Private Archive werden Ihnen vielleicht die Einsicht verweigern, doch im anderen Fall für die Nutzung kein Geld abknöpfen. Auslagen müssen Sie selbstverständlich überall übernehmen, etwa wenn Sie Kopien oder Reproduktionen von Fotos bestellen. Deren Höhe richtet sich üblicherweise (auch in anderen als den Staatsarchiven) nach den Sätzen der jeweiligen Landesverwaltung und steht auf einem Merkblatt aufgelistet, das Sie in solchen Fällen in die Hand gedrückt bekommen. Manche Archive bieten an, Recherchen für Leute zu übernehmen, die wegen der Entfernung ihres Wohnorts schwerlich selbst vorbeikommen können. Typischerweise handelt es sich dabei um genealogische Anfragen aus den USA, und bevor die Archivarin ins Magazin geht und nachforscht, schickt sie dem Interessenten die Gebührenliste mit den Stundensätzen zu. Zudem bieten freischaffende Historiker seit einigen Jahren auf dem wachsenden Dienstleistungsmarkt an, Archivrecherchen zu übernehmen.

Sofern Sie Archivalien jeder Art, also neben Fotos auch Postkarten, Zeichnungen, Pläne, Zeitungen, Textauszüge oder was immer, in einer Publikation reproduzieren (lassen) möchten, benötigen Sie dafür eine Genehmigung, die im Fall von Dissertationen, heimatgeschichtlichen Werken und dergleichen nichts, bei kommerziellen Produkten den je hausüblichen Satz kostet. Die kommerzielle Nutzung, also wenn jemand mit Reproduktionen von Archivalien oder den Ergebnissen seiner Archivrecherche Geld verdient, führt in einen Grenzbereich, in dem die Regeln von Archiv zu Archiv verschieden ausfallen: Manche nehmen Gebühren schon für die Leistungen im Lesesaal, andere erst für die Reproduktion, wobei die Gebührenhöhe je nach Auflage, Bildgröße usw. schwankt.


Mit Ihrer Unterschrift auf dem Benutzungsantrag verpflichten Sie sich, dem Archiv unentgeltlich ein Belegexemplar zukommen zu lassen, sofern Ihre Veröffentlichung "in wesentlichen Teilen" (oder ähnlich formuliert) auf Material dieses Archivs gründet. Betrachten Sie diese Verpflichtung getrost als Bitte. Erstens wird kein Archiv systematisch verfolgen, welche aus seinen Beständen heraus gewonnenen Erkenntnisse wann und wo veröffentlicht werden. Zweitens wird kein Archiv einen Gerichtsprozess anstrengen, wenn Sie ihm ein Buch zum Ladenpreis von durchschnittlich 36 Euro oder gar einen Aufsatz vorenthalten. Lassen Sie sich also bitte in der Frage "Belegexemplar" von Erwägungen der Art leiten, dass Sie im Archiv kostenfreie Leistungen erhalten haben, dass der Etat für die Dienstbibliothek auch in Archiven schmilzt und dass Ihr Werk so den Kreis seiner Öffentlichkeit ein Stück erweitert.


Service

Weiterführende, insbesondere gedruckte Literatur

Bei allen aktuell über den Buchhandel erhältlichen Werken, Stand Dezember 2003, ist der Preis angegeben. Die anderen wären ggf. antiquarisch zu haben, z.B. über <www.zvab.com>. Adressen

  • Archive in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz. Münster: Ardey-Verlag, 17. Auflage Dezember 2002. Mit beigelegter CD. 35,- €. [Adressen und Mitarbeiter, untergliedert nach Archivarten ungefähr wie oben in Abschnitt 3.]
  • Bernd Hüttner: Archive von unten. Bibliotheken und Archive der neuen sozialen Bewegungen und ihre Bestände. Neu-Ulm: AG SPAK 2003. 15,- €. [Der Herausgeber arbeitet im Archiv der sozialen Bewegungen Bremen (www.archivbremen.de). Er beschreibt "größere Archive" näher, nennt zu weiteren nur Adressen. Bei den von den aufgelisteten Initiativen verwahrten Beständen handelt es sich überwiegend um Sammlungen einschlägiger Bücher, Zeitschriften, grauer Literatur, Flugblätter, zum geringeren Teil um Archivgut im strengen Sinn.]
  • Gabriele Jachmich (Bearb.): Archive der deutschen Kreditwirtschaft. Ein Verzeichnis. Hg. im Auftrag des Instituts für bankhistorische Forschung e.V. Stuttgart: Franz Steiner 1998. 34,- €. [Umfassender Nachweis im 1. Teil von Archiven und Altregistraturen der Kreditwirtschaftsinstitute, deren externe Benutzung in der Regel nicht gestattet wird, im 2. Teil von Bankbeständen in den Staatsarchiven.]
  • Susanne Pollert: Film- und Fernseharchive. Bewahrung und Erschliessung audiovisueller Quellen in der Bundesrepublik Deutschland. Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg 1996. 30,- €. [Behandelt die Archive der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten in der Bundesrepublik und der DDR.]
  • Klara van Eyll, Beate Brüninghaus, Sibylle Grube-Bannasch (Hg.): Deutsche Wirtschaftsarchive. Nachweis historischer Quellen in Unternehmen, Kammern und Verbänden der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Franz Steiner. 3., neu bearbeitete Auflage 1994 [Wegen ständiger Änderungen in den letzten Jahren nur noch eingeschränkt benutzbar.]

Archivgesetze

  • Die Fundorte sämtlicher aktueller Fassungen weist nach: <www.uni-marburg.de/archivschule/jurabiblio.html>, mit Kommentaren und weiterer Literatur.

"Gesetz über die Sicherung und Nutzung von Archivgut des Bundes" in seiner jüngsten Fassung abgedruckt in: Der Archivar. Mitteilungsblatt für deutsches Archivwesen. 56. Jg. Heft 1/2003, S. 25–28. Im Internet: <http://bundesrecht.juris.de/bundesrecht/barchg/index/html> Archivistik und Quellenkunde

  • Thomas Lange und Thomas Lux: Historisches Lernen im Archiv. Schwalbach 2004, 224 S., 14,30 €. [Weist bei den behandelten Themen viele Parallelen zu dieser „Gebrauchsanleitung“ auf, der Schwerpunkt liegt auf archivpädagogischen Handreichungen für den Geschichtsunterricht. Das Inhaltsverzeichnis kann hier angesehen werden]
  • Norbert Reimann (Hg.): Praktische Archivkunde. Ein Leitfaden für Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste. Münster: Ardey 2004. € 29,90. [Zielgruppe wie im Titel, auch für wissenschaftliche Archivbenutzer zu empfehlen, die sich weiter ins Thema einlesen möchten.]
  • Friedrich Beck, Eckart Henning (Hg.): Die archivalischen Quellen. Eine Einführung in ihre Benutzung. Köln: Böhlau. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage 2003. € 39,90 [Mit quellenkundlichem und hilfswissenschaftlichem Teil, ausführlicher Bibliographie. Geeignet für alle, die vorhaben, öfter Archivstudien zu betreiben.]
  • Jörg Heinrich, Martin Klöpfer: Abkürzungen und Schriftbesonderheiten der Frühen Neuzeit aus altwürttembergischen Quellen, hrsg. vom Verein für Familien- und Wappenkunde in Württemberg und Baden. Berlin: Pro Business 2003. 14,95 €. [ Klaus Graf am 04.03.2004: "Laut Schwäbischer Heimat 2004/1, S. 126 »ausgestattet mit vielen Beispielen, zeichengerechten Wiedergaben und ihren Auflösungen ist es für Laien und Profis, für Studenten und Familienforscher gleichermaßen empfehlenswert«. Non vidi."]
  • Eckhart G. Franz: Einführung in die Archivkunde. Primus, 5. Auflage 1999. € 19,90 [Kommt mit den Themen Archivgattungen, Archivgut, Aufgaben von Archivaren und Benutzung dieser Gebrauchsanleitung nahe, freilich viel ausführlicher, und eher an (angehende) Fachkollegen als ans Publikum gerichtet.]
  • Evelyn Kroker, Renate Köhne-Lindenlaub, Wilfried Reininghaus (Hg.): Handbuch für Wirtschaftsarchive. Theorie und Praxis. München: Oldenbourg 1998 [Neuauflage ist in Vorbereitung. Zielgruppe sind v.a. Archiv-Beauftragte ohne Fachausbildung in Unternehmen. Für Benutzer interessant v.a. die Abschnitte zur Quellenkunde und zu Rechtsfragen.]
  • Adolf Brenneke: Archivkunde. Ein Beitrag zur Theorie und Geschichte des europäischen Archivwesens. Bearbeitet nach Vorlesungsnachschriften und Nachlasspapieren und ergänzt von Wolfgang Leesch. Leipzig: Koehler & Amelang 1953 [Schwerpunkt auf den deutschen Verhältnissen. Archivterminologie, -theorie und -geschichte sind sehr speziell ausgeführt; Rezeption nur für künftige Archivnutzer-Profis sinnvoll.]
  • Heinrich Otto Meisner: Archivalienkunde vom 16. Jahrhundert bis 1918 Leipzig: Koehler & Amelang 1950 [und weitere Auflagen. V.a. ausführliche Aktenkunde, mit Glossar. Sehr speziell, nur für künftige Archivnutzer-Profis sinnvoll.]

Lese-Hilfen (Schrift, Abkürzungen, Fachtermini)

  • Brause Übungsheft Deutsche Schrift [erhältlich im besseren Zeitschriftenhandel.]
  • Kurt Dülfer, Hans-Enno Korn: Gebräuchliche Abkürzungen des 16.–20. Jahrhunderts. Marburg: Veröffentlichungen der Archivschule 1, 7., überarbeitete Auflage 1999. € 6,20 [Sehr hilfreich, wenngleich zwangsläufig unvollständig; wird stetig aktualisiert.]
  • Karl E. Demandt: Laterculus Notarum. Lateinisch-deutsche Interpretationshilfen für spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Archivalien. Marburg: Veröffentlichungen der Archivschule 7, 7. Auflage 1998. € 14,40 [Lateinische Fachbegriffe aus der Rechts- und Verwaltungssprache mit jeweiliger Bedeutung in Tabellenform.]
  • Alfred Bruns: Die Amtssprache. Verdeutschung von Fremdwörtern bei Gerichts- und Verwaltungsbehörden. Fotomechanischer Nachdruck der Ausgabe von 1892. Münster: Westfälisches Archivamt, zuletzt 4. Auflage 1991.
  • Adriano Cappelli: Lexikon abbreviaturarum. Dizionario di abbreviature latine ed italiane. Milano: Ulrico Hoepli 2001. Nachdruck der 6. korrigierten Auflage Mailand 1929 [Kompletteste Auswahl an Abkürzungen, die Schreiber mittelalterlicher Handschriften verwendeten, grafisch dargestellt in über 14 000 Holzschnittzeichen.]


Internet-Adressen: Archivverwaltungen, Verbände und weiteres Weiterhelfende

Weitere Adressen finden Sie in Abschnitt 3 an den Stellen, wo die jeweilige Einrichtung erwähnt oder beschrieben steht.

Bundesland-spezifische Zugänge:

Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen

http://www.vda.archiv.net [Verband deutscher Archivarinnen und Archivare, die konkurrenzlose, bundesweite Vertretung des Berufsstandes.]

http://www.archivpaedagogen.de [Eine seit wenigen Jahren institutionalisierte Gruppe von Archivpädagogen, hauptberuflich Lehrerinnen und Lehrer, die historische Bildungsarbeit in Archiven forcieren, insbesondere Schüler an Archivquellen heranführen.]

http://www.adfontes.unizh.ch [Sehr durchdachte, unbedingt empfehlenswerte interaktive Einführung für den Umgang mit mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Quellen im Archiv, vom Ermitteln über paläographische Übungen und Quellenkritik bis hin zu Editionsgrundsätzen.]

http://www.uni-marburg.de/archivschule/nutzer/Index.html [Kurzlehrgang in Archivbenutzung in Stichworten, eine Art Telegrammversion dieses Leitfadens.]

http://archiv.twoday.net [Stets aktuelle Seite des Historikers und Archivassessors Klaus Graf, der als Zielgruppe explizit (auch) Nicht-Archivare anspricht. Bietet zahlreiche interessante Verweise und Links.]

http://www.augias.net [Vom Archivsoftware-Anbieter Augias Data geführt. Bietet u.a. einen bundesweiten aktuellen Pressespiegel mit Archivthematik und eine Adressdatenbank-Recherchemöglichkeit.]

http://www.malvine.org "MALVINE. Manuscripts and Letters via Integrated Networks in Europe (Deutschland). (...) Online-Service der Staatsbibliothek zu Berlin, in dem Nachlässe und Autographen nachgewiesen werden. MALVINE bietet Informationen über Art und Standort moderner Manuskripte, die in den angeschlossenen Europäischen Bibliotheken, Archiven und Museen gesammelt werden."



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