Literatur:Der alte Hafen scheppert - Abraham a Sancta Clara

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Der alte Hafen scheppert ·

Abraham a Sancta Clara (Autor) · ()

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Sprache: Deutsch · Version: v1.00 (Volltext)
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Abraham a Sancta Clara: Der alte Hafen scheppert . In: eLib.at (Hrg.), 05. Mai 2016. URL: http://elib.at/
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Abraham a Sancta Clara - 1644-1709


Der alte Hafen scheppert


Der Hafen hat viel Ritz und Spalt/Darumb nicht g'fallt / er bricht gar bald.

Wer die Welt nennet ein Meer / der nennt sie recht; das Meer hat allerley gefaehrliche Klippen / Wuerbl und Sand-Baenck / also auch die Welt / darinnen stosset mancher an eine harte Felsen / sage / an einen harten Kopf an / also / daß sein Glueck voellig zu Scheittern geht: In dem Meer fressen die grosse Fisch die kleine / so fressen dann auch in der Welt die Menschen untereinander / einer ist dem andern nachstellig und aufsaetzig.

Wer die Welt nennet einen Gluecks-Hafen / der nennt sie recht / dann aus dem Gluecks-Hafen hebt mancher eine goldene Schalen / der andere eine schlechte Pfeiffen / auff gleichen Form ist die Welt eingericht / dieser hebt ein wohleintreffendes glueckseeliges Zetl / die meisten aber lauter Falso und Nulla, Nulla, Nulla.

Wer die Welt nennet ein Comoedi oder Schauplatz / der nennt sie recht / dann auf diesem Schauplatz agiret bald einer einen Koenig / bald einen Bauren / in der Welt wird einer bald erhebt bald unterdruckt / heunt ist er ein Herr / Morgen wieder leer / bald ein Edler / bald wieder ein Bettler.

Wer die Welt nennet einen Garten / der nennt sie recht / dann wie in einen Garten Blumen und Unkraut untereinander / so seynd in der Welt Gut und Boese vermischt.

Wer die Welt nennet ein Narrn-Haeusl / der nennt sie recht / dann nach Aussag des weisen Manns kap. I. 16. Stultorum infinitus est numerus, der Narren ist eine unendliche Zahl.

Wie aber soll ich die Welt nennen? Holla Welt! ich frag dich? Was vor einen Titl soll ich dir zueignen? Wer bist du? Sags her / hast du es verstanden? Holla! Olla, das heisst auf Lateinisch ein Hafen oder Topff / so ist dann die Welt ein irrdischer Topff? Ja / ja / in diesen Topff ist ein wunderliche Allapatrida / wann dann also so kan ich nicht anderst als denen Weibern nachfolgen; wann die Weiber auf den Marck gehen / Kuchl-Geschirr und andere Sachen einzukauffen / so brauchen sie allzeit einen sonderbahren Witz und Verstand / wann sie da und dort ein schoenes Geschirr sehen / schoen gruen glassirt / glaentzend / so seynd sie nicht gleich da / nehmen und kauffen solches / tragen es nacher Haus / sondern klopffen vorhero daran / wann es einen Runtz oder abbrechichen Klang hat / da sagen sie: ihr Narrn / der Hafen scheppert ja / hat aber der Topff einen langen klangsamen Klang / so heissts alsobald: der ist gut; Indeme dann GOtt gleich anfangs einen Haffner abgegeben / und ein solches irrdisches Geschirr / nemblich den Erdboden verfertiget / so glaube ich gewiß / daß von denen Haenden des Goettlichen Haffners dieses Geschirr in aller Vollkommenheit seye ausgemaht worden / weilen aber der Adam einen harten Apfel hat lassen durchfallen / so zweiffle ich / ob es noch in voriger Gestalt seye: Welt! was bist du? sag an / Holla! Olla, bey meiner Treu der Hafen scheppert / vorwahr gantz ein kurtzer Klang / modicum, dieses bekennet Benedictus, und darumb / sagt er / hab ich diesen Hafen nicht geacht / sondern nur ausgelacht. Daß dieser grosse irrdische Topff scheppert / sagt darzu / ja: Hieronymus, Bernardus, Franciscus, Onuphrius, Paulus der Eremit, Antonius und unzahlbare andere / welche alle diesen gebrechlichen Topff verlassen / und in die abgelegniste Einoede geflohen.

Es ist einstens ein Spannier mit gantz langsamen und gravitaetischen Schritten ueber ein Eyß gegangen / es ware aber das Eyß an ein oder andere Ort schon ziemlich zerspalten / dahero er unversehens durch das Eyß in das Wasser geplumpsst / und ihm fast die Hirn-Schalen zerschnitten / wie man ihn mit grosser Mueh endlich aus dem Eyß gezogen / schickte man augenblicklich umb einen Barbierer / der wendete den moeglichsten Fleiß an / und suchte ob nicht etwann dem Hirn ein Schaden geschehen / da er nun lang gesucht / stehet ungefehr ein Narr auf der Seiten / Herrle! Herrle! sagt er / was suchst so lang? Der Barbierer antwortete: das Hirn / ey bey Leib nicht! versetzte der Narr / der Gimpl hat ja kein Hirn / dann wann er ein Hirn gehabt haette / so wurde er vorhero geschaut haben / ob das Eyß gantz ist oder nicht; dieses sag ich auch / derselbe hat kein Hirn der der Welt zu viel traut und auf sie baut.

Moechte doch gern wissen / warumb unser lieber HErr und Heiland eben lauter Fischer zu seinen Aposteln und Juengern auserkohren / es wurden ja andere Handwercker sich auch gefunden haben / welche redlich und ehrliche Leut gewesen / warumben nicht Becken? Es haett sich gar wohl geschickt / daß die das Brod des Wort GOttes als die rechte Seelen-Speiß haetten vorgetragen. Warumben nicht Schlosser? Es haett sich gar wohl geschickt / daß diese denen unwissenden und in Irrthum lebenden Leuten haetten die Thuer des Himmels aufgesperrt. Warumb nicht Zimmerleut? Es haett sich gar wohl geschickt / daß sie mit ihren Hacken dem Menschen haetten ein Laiter im Himmel verfertiget. Warum nicht Maurer? Es haett sich gar wohl geschickt / daß sie das sichtbahrliche Jerusalem auf Erden / nemblich die Roemische Kirchen haetten aufgebaut. Warumb nicht Bildhauer? Es haett sich gar wohl geschickt / daß sie das Bildnuß des Menschen / so in etwas verderbt / wieder mit ihrer Lehr renovirt haetten. Warumb nicht Bauren? Es haett sich gar wohl geschickt / daß sie den Weeg und die Bahn zu den Himmel gemacht haetten. Warumben endlich nicht Kauffleut? Es haett sich gar wohl geschickt / wann sie die Waar und Wahrheit des Goettlichen Worts haetten ausgelegt. Warumben gleich Fischer? Und da sie schon Apostel waren / hat er sie gleichwohl noch Fischer genennt / Seelen-Fischer / die Menschen aber benahmste er Fisch: Neben andern Ursachen finde ich darumb / damit die Menschen sich sollen erkennen / daß sie Fisch seynd / was ist aber ein Fisch? Es ist kein Thier auf der Welt / welches ein so unbestaendiges Leben hat / als ein Fisch / wann derselbe nur ein wenig ausser den Wasser / so erbleicht er schon / der Ursachen hat Christus lauter Fischer zu seinen Aposteln genommen / und uns Menschen Fisch genennt / damit wir sollen erkennen / wie unbestaendig und wanckelmuethig das Menschliche Leben sey.

Der Koenig Ezechias (wie ihm GOtt den Tod angekuendet) wurde gantz Melancholisch / hat das Gesicht gegen der Wand gewend und bitterlich geweinet 4 Reg. 20. 2. Warumb das Gesicht gegen der Wand? Es seynd viel Herrn und Edelleut umb ihn herumb gestanden / und also hat er sich vielleicht geschaemt / daß er solle vor ihnen weinen wegen des Todts / weilen er von allen als ein weiser Koenig geachtet war / mithin haetten die Lackey gesagt: Pfui Teuffel! ist das nicht ein Spott / daß er sich also vor den Tod fuercht / er hat ja vor diesen laengst gewust / daß er sterben muß / daß das Menschliche Leben unbestaendig / alles ungewiß / allein der Tod ist gewiß: Zu einer jedwederen Sach kann ich sagen vielleicht. Wann ein Weib glueckseelig entbunden wird und einen Sohn gebaehret, so sagt Christus in dem heiligen Evangelio / erfreuet sie sich / und nicht allein sie vor sich selbsten, sondern auch andere Weiber / die werden zum Kindmahl geladen / die Frau G'vatterin / die Oberg'vatterin / die Unterg'vatterin / die Nachbarn / die Bekannte / die Verwandte / die Frau Gespielin / die Frau Gespaenin, die Hauß-Frau / wann nun der Tisch mit wohl ausgezierten, polirten / geschmuckten / geschmackten Pasteyen und Pastetten geziert / wann die suesse Speisen / die verzuckerte Trachten / die schleckerische Possen und Bissen einen Anfang nehmen / beynebens auch die vergolde Kandl einen Kallop herumtantzen / da fangen sie zu plepern und zu plapern an / eine sagt: Vielleicht wird dieses Bueberl ein Doctor werden wie Bartolus und Baldus, die andere / vielleicht wird es ein Mahler werden / wie Barrhasius, vielleicht wirds ein Soldat und vortrefflicher General-Feld-Herr werden / wie Alexander / vielleicht wirds einmahl ein Geistlicher werden / vielleicht wirds ein Burgermeister werden? Vielleicht wirds mein Toechterl heurathen? Vielleicht wirds etc. etc.? Vielleicht wirds lernen was der Vatter? Vielleicht? Zu allen Sachen vielleicht / aber dieses kan keine sagen: Vielleicht wirds sterben / dann das Sterben lasst kein Vielleicht zu / sondern ist gewiß / omnes morimur & quasi aquae dilabimur in terram, wir sterben alle und verfallen uns in die Erden wie das Wasser. Zum Sterben allein ist ein Gewißheit / gewiß und wann sterben ungewiß / wo sterben und wie sterben ungewiß / dahero traue dem Menschlichen Leben nicht / welches allein bestaendig in der Unbestaendigkeit ist.

Pius der Dritte Roemische Pabst hat gemeint er wolte lang leben in dem Pabstum / hat jedoch keinen Bestand gehabt / hat nur 26. Tag gelebt. Damasus der Andere hat gemeint er wolte lang leben als Vicarius Christi, hat keinen Bestand gehabt / hat nur 23. Tag gelebt in Pabstum. Caelestinus der Vierdte Roemische Pabst hat gehofft eine Weil zu leben auf den Roemischen Stuhl / hat aber erfahren die Unbestaendigkeit / indem er nur 17. Tag gelebt. Stephanus der Andere Roemische Pabst / der hat verhofft ein ziembliche Zeit zu leben / hat aber gesehen das Widerspiel / da er nur 4. Tag gelebt / und dieses gleichfalls zu verstehen von Kaysern / Koenigen und Monarchen / welche es selbsten erfahren / daß ueber ein kleines leben und ueber ein kleines nicht mehr leben / eine gantz benachbahrte Freundschafft; hat sich dannenhero niemand zu verlassen auf seine Gesundheit / gesunden Leib / leibliche Staercke / starcke Glieder / gleich wie GOtt durch einen eintzigen Blaser den ersten Menschen die Seel und das Leben gegeben / als kan das Leben wieder durch einen eintzigen Blaser genommen werden.

Ich klopffe auf ein andere Seiten / da scheppert der Hafen wieder / wie da? Die Freundschafft hat einen Bruch. Unser lieber HErr und Heyland / nachdem er 40. gantzer Tag hart gefastet / so kommt der Teuffel zu ihm / und bringt ihm einen Stein / den soll er zu Brod machen / ey du plumper Teuffel! wann du Christum wilst versuchen / so musst du ihm etwas Gutes geben / und nicht einen Stein: Zum andern ist diß zu verwundern / indeme der boese Feind kurtz vorhero gesehen / daß unser HErr sich dermassen gedemuetiget / und sich wie ein Suender von Joanne Baptista in dem Jordan hat tauffen lassen / und zwar vor allem Volck / diese Demuth wuste der Sathan allzuwohl / und versuchte ihn gleichwohlen zu dreymahlen / warumben? Darum sagt der Heilige Leo Serm. 4. de pass. es hat zwar der boese Feind gesehen die Heiligkeit und Demut Christi in dem Tauff / hat ihn aber dennoch versucht / weilen er vermeint / er seye ein purer Mensch / und der Ursachen auch veraenderlich / so ist dann der Mensch veraenderlich? Ja freylich / befoerdrist in der Freundschafft / heunt Freund / Morgen Feind / heunt thut er der Fueß zucken und bucken / Morgen wuenscht er den Teuffel auf den Rucken / heunt heisst es: der Herr ist Patron / morgen schaut er dich nicht mehr an / bald kuesst er dich und will dich fressen vor Lieb kehr umb ein Hand / heisst er dich einen Schelm und Dieb / alle Freundschafft der Welt ist unbestaendig / fordrist die an besten glaentzet / dann sie ist gleich einen Fuerniß / der oeffters einen faulen Holtz einen Glantz anstreichet / welches doch inwendig voller Wuerm ist.

Maria Stuarta ware eine Koenigin in Schottland / diese wurde / dem Schein nach von der Koenigin Engeland Nahmens Elisabeth dergestallten geliebet / daß sie ihr einen kostbahren Diamant praesentirt / welcher in der Mitte den Form eines geschnittenen Hertz hatte / diesen gabe sie der Koenigin Stuartae zu einem gewissen Unterpfand der unzertrennlichen Liebe und Freundschafft; aber O Unbestaendigkeit der Menschlichen Treu! bald hat diese lasterhaffte falsche Elisabeth das Parolla gebrochen / und gezeiget / daß das Parolla Parollae sey indem sie Mariam Stuartam als eine Koenigin in das Gefaengniß werffen / und endlich auf einer offentlichen Schaubuehne mit dem Beil von dem Leben zum Tod hat hinrichten lassen.

Des Jobs Weib hat ihren Herrn hat ihren Herrn so lieb gehabt / daß sie ihn nicht anderst genennt als ihr Herz und ihren Schatz / alle ihre Gedancken waren von dem Job / all ihr Schmeichln und Heuchln ware umb den Job / all ihr Vergnuegen war bey den Job / wann er nur etliche wenige Stund von ihr ausbliebe / da weinte sie schon umb ihren Mann / was sie ihm nur in denen Augen ansahe / dieses alles hat sie gethan aus Lieb zu ihren Mann / O wohl ein recht goldenes Weib! ein liebes Weib! ein holdseeliges Weib! ein hoeffliches Weib! ein Weib ueber alle Weiber! jedoch nur ein wenig Gedult / diese Liebe wird bald hincken und stincken; so bald der Job durch Zulassung GOttes aussaetzig wurde / da sicht und sucht ihn das Weib auf dem Misthauffen / weilen er auch voller Geschwuehr / Eyter und Beilen ware / schnaltzt sie ihn in da Gesicht / und spricht: Benedic Deo & morere, gesegne deinen GOtt und sterbe / glaubs gar gern / das Weib hat es darumben gethan und gewuenscht / damit sie bald wieder einen andern Mann bekomme / auf solche Weiß machen es die Weiber / sie koennen ihre Maenner schertzen und hertzen / flattirn und caressirn / aber / aber / aber sie tragen den Fuchs-Balg im Busen herumb und moecht manche Sopherl ihren Stopherl lieber in dem Grab als lebend bey Gut und Haab sehen.

Einen wunderseltsamen Traum hat gehabt der Koenig Nabuchodonosor / dem hat getraumt als sehe er einen großmaechtigen Baum / der mit dem Gipffel bald den halben Teil des Himmels erreichte / auf welchen die alleredliste Fruechten waren / und die Voegl des Luffts sassen und frassen auf diesen Baum / darauf traumete ihm / als seye eine Stimm vom Himmel gekommen / die da sagte: Daß man den Baum umbhaue / alsobalden seynd alle Voegel fortgeflohen / und haben den Baum verlassen; dieser Baum hat bedeut jenen Monarchen / der in dem Pracht und Macht hochgestiegen / wie er aber von GOtt abtruennig worden / und gefallen / da seynd alle seine Hof-Herrn abgeflohen und haben den Reißaus genommen / solchen Baum seynd gleich alle Reiche und glueckseelige Leuth / so lang sie genug zu tractirn / so lang seyn die Schmarotzer umb sie / geben sich vor die groeste und beste Freund aus / so bald aber die Taffel abnimmt / die Beutel leer werden / und der Stammen-Baum sambt dem Gut und Muth zerfallet / da fliegen auch die Voegel / die Ertz-Voegel / die Speiß-Voegel / die Spatt-Voegel / die Spott-Voegel hinweg / da sihet man alsobald die unbestaendige Freundschafft deren Menschen; dieses hat einstens einer probirt / ob er sein ausbuendiger Freund seye? Der ihm alles versprochen / daß er mit ihme treu bestaendig leben und sterben wolle / und zwar in einer unzerbrechlichen Freundschafft / der erste Freund gedachte davon ein Prob zu machen / thut eines / sticht ein Kalb ab / stecket dasselbe in einen Sack / daß der Sack gantz blutig und sehr durchgeschlagen / tragt diesen Sack bey naechtlicher weil in das Haus seines Freundes / Ach! sagt er / allerliebster Herr Bruder! ich bin in das groeste Unglueck geraten / ich habe aus gaehen Zorn meinen Bruder umbgebracht / es weiß solches kein eintziger Mensch / damit man aber nicht etwann in meinen Haus suchen moechte / so bitte ich den Herrn Bruder zum schoensten / er moechte diesen Sack vergraben etc. etc. Potz tausend! ey kein Gedancken / sagt der andere / da wurd mich der Teixl reitten / ich moechte einbiessen und koente umb Haus und Hof kommen / bewahr mich GOtt! darauf hebt der / so den Sack getragen / so viel er gekoennt / den Sack auf / und schlagt den andern darmit nieder / sprechend: Ey du Schelm! so bist du nur ein Freund in der Freud und nicht in dem Leid?

O unbestaendige Freundschafft zwischen Amnon und seiner Schwester! O unbestaendige Freundschafft zwischen David und den Saul! O unbestaendige Freundschafft zwischen Joseph und seinen Bruedern! also ist die Freundschaft in der Welt unbestaendig / wanckelmuethig / falsch / erlogen und betrogen.

Anjetzo klopffe ich an einen andern Ort an / und schaue wie die Welt ist in denen Ehren / ein jeder ist und geht gern hoch / der Heilige Evangelist Marcus erzehlet / wie daß die Juenger und Apostel Christi einsmahls unter ihnen einen Zanck angefangen / quisnam eorum videretur esse major, wer unter ihnen der groeste / der erste / oder gar der Papst seye? Gedenck einer / Heilige Leuth und Apostel / die stets GOtt bei ihnen und mit ihnen hatten / schlechte einfaeltige Fischer waren / haben doch untereinander gezanckt / wer der Vornehmst unter ihnen / welches ihren HErrn und Meister verschmacht. Jetzo ist nicht zu verwundern / daß Iulius Caesar von solcher Ehrsucht gewesen daß er einmahl in einen Marckfleck gesagt: Malo hic esse Primus, quam Romae Secundus, ich da lieber seyn der Erste als zu Rom der Anderte. Mich wundert auch nicht / daß Hermenefridi eines Denemarckischen Koenigs Ehegemahlin ihren eigenen Herrn dem Koenig diesen Possen gethan / indem sie einmahl / wie beede zu Taffel gegangen / den Tisch nur halben Theil bedecken lassen / der Koenig fragte: Warumb? Darumb antwortete sie / den andern halben Theil soll er gleichwohl bedecken mit des Koenigs in Franckreich seinen Guethern / als dem er das halbe Reich von Denemarck so spoettlich abgetretten hat / und hat so lang den Koenig angetrieben / biß daß Hermenefridus das gantze Reich zuerobern / dem Koenig in Franckreich einen Krieg angekuendet / ob es ihm zwar nicht gelungen; also trachtet man allenthalben nach Ehren / dessentwegen nicht umsonst Homo der erste Buchstaben H. eine Aspiration ist / weilen ein jeder aspirirt.

Wie ist aber die Ehr und Hochheit! Modicum unbestaendig; der grosse Alexander / dieser Macedonische Koenig / dieser Welt-Monarch / diese gebohrne Majestaet und Groß-Gott auf Erden / ist so weit gekommen / daß ihm auch die Welt zu eng war / und wo er seine Waffen nur hingebracht / dort hat er Victori und Sieg erhalten / jedoch wie lang hat es gedauret? Modicum ueber ein kleine Zeit / ihm wurde in denen beliebtisten und belobtisten Jahren mit Gifft vergeben / ist 30. gantzer Tag unbegraben gelegen / biß er endlich eine 4. Schuch lange Gruben erhalten / den vorhero der gantze Erdboden nicht groß genug gewesen. Valerianus der Kayser ist mit solchen Begierden und Jubl des Volcks auf den Roemischen Thron erhebt worden / daß er reich ware an Schaetzen und Plaetzen / Pracht und Macht / Streit und Bescheidenheit / jedoch Modicum, wie lang? Er ward in einer Schlacht von Sapore dem Persianischen Koenig gefangen / und ist in eine solche elende Dienstbahrkeit gerathen / daß er allzeit dem Sapori wann er zu Pferd gesessen / seinen Rucken statt eines Schamels darreichen muste. Belisarius ein Groß-Fuerst Iustiniani, ein Herr deren Gothen / ein Herr deren Wenden / ein Herr der Posianer, ein Schrecken der Waelschen / ein Forcht des gantzen Erdboden / hingegen wie lang? Modicum ueber eine kleine Zeit seynd ihm die Augen ausgestochen worden. Wer ist Craesus gewest? Ein Koenig mit Gold und Geld so ueberhaeufft / daß bey ihm das Gold wie das Eysen geacht war / ist endlich mit harten eysernen Ketten gefangen und gebunden worden / daß er darinnen muehseelig sein Leben geendet. Wer ist gewesen Dionysius in seiner Regierung? Ebenfalls ein Kayser / Modicum ueber ein kleines ist er so arm worden / daß er zu Corintho muste einen armen Schulmeister abgeben / und die Ferl statt eines Scepters brauchen. Wer ist Henricus Quartus gewest? Mehrmahlen ein Kayser / ein reicher und vortrefflicher Monarch / Modicum, ueber ein kleines / wurde er seiner Wuerde entsetzt / muste die Kost bettln von dem Bischoff zu Speyer / und als er lang in den Koht herumb paschete / starb er zu letzt ohne Schuch wie ein elender Bettler. O Modicum! Dahero sagt gar wohl der Heilige Gregorius: profecto multa gloria in alto cernitur, sed nulla stabilitate solidatur, dieser jetzigen Welt alle ihre Glori ist zwar in einer grossen Hochheit / aber nicht bestaendig / dessentwegen Theodosius der Dritte seinen Kayserlichen Purpur hinweg gelegt / die Kron abgenommen / und eine Moenchs-Kappen aufgesetzt / dessentwegen Lotharius der Kayser all sein Haab und Gut denen Kirchen verlassen / und freywillig den Ordens-Habit des Heiligen Benedicti angezogen. Dessentwegen Winochus ein Hertzog alle seine Wuerden verachtet / freywillig in ein Closter getretten / wo er von seiner Obrigkeit die Saeu zu huetten verschaffet worden. Dieses haben alle gethan / weilen sie gesehen die Unbestaendigkeit der Menschen Ehr.

Klopff ich auf eine Seiten dieses runden Geschirr der Welt / auf welche ich immer will / so finde ich halt / daß es allenthalben scheppert / und klappert / nicht bestaendig in Klingen und Klangen / darumb ist es Wunder ueber Wunder / daß man gleichwohl dieses unbestaendige Wesen also liebet / nach demselbigen also trachtet / als wanne es unzerbrechlich und ewig bestehen wurde.

Dieser Ursachen hat nicht unbillig Christus der HErr seinen Aposteln und Juengern 40. Tag nach seiner Heiligen Urstand immer und immer von dem Reich GOttes geprediget / loquens de Regno Dei. Viertzig gantzer Tag? Warumb so lang von einer eintzigen Materi? Wann ein Prediger solte alleweil von einer Materi ein halbes Jahr reden / wie wurden die Leuth nicht Koepff zusamm stossen / schauts wurden einige sagen: Der Pfaff kan nichts anders als die alte Leyrn / die Becher seynd ihm halt lieber als die Buecher: und gleichwohlen hat Christus gantzer 40. Tag von einer Sach gelehret und geprediget / dieses thaette er aber darumben / damit er dardurch die Gemueter der Apostel von denen Weltlichen Sachen moechte abziehen / und sie zu denen ewigen unzergaenglichen Guetern leiten / dahero hat auch GOtt anfaenglich dem Menschen das Hertz erschaffen auf ein so wunderbahrliche Manier / daß es nemblich oberhalb gantz breit und untenher ganz gespitzt / zu zeigen / daß es von der Erden wenig gedencken soll / aber wohl das meiste von Ewigen / GOtt hat auch den Menschen erschaffen aufrecht mit denen Augen gegen den Himmel / nicht wie die Thier zur Erden geneigt / hiervon schreibt der Poet Ovidius:


Pronaque cum spectent animalia caetera terram
Os homini sublime dedit, caelumque tueri
Iussit, et erectos ad sydera tollere vultus.
Das unvernünfftig Vieh thut nur die Erd beschauen /
Jedoch des Menschen Aug ist in die Hoech gericht /
Damit es staets betracht die schoene Himmels-Auen /
Und alle seine Werck nach GOttes Willen schlicht.


Was ist die Welt? Modicum ein Linsen-Muß des Esau / was ist der Himmel? Ein ewiges Abendmahl. Was ist die Welt? Modicum, eine trieffaugende Lia / was ist der Himmel? Eine Englisch glantzende Rachel. Was ist die Welt? Modicum, voller Egyptischen Zweiffel / was ist der Himmel? Ein Land / welches ewig von Milch und Hoenig fliesset. Was ist die Welt? Modicum, ein Kirbis-Blatt Jonae / was ist der Himmel? Ein ewig gruennender Baum des Lebens. Was ist die Welt? Eine alte ausgedorrte Cystern / in welche Joseph geworffen / was ist der Himmel? Ein ewig fliessender Quelle der lebendigen Waesser. Was ist die Welt? Modicum, ein Esels Kuehnbacken des Samsons / was ist der Himmel? Ein Mund-Becher des Josephs. Was ist die Welt? Modicum, eine schlechte Magd Agar / was ist der Himmel? Eine ewige Braut des HErrn. Was ist die Welt? Modicum, eine Schoß einer betruegrischen Dalilae / was ist der Himmel? Eine ewige Schoß des Abrahams.

Derohalben Sursum corda! hinauf mit denen Herzen / hinweg von dem Zergaenglichen / hinauf zu dem Ewigen: Jacob hat 7 Jahr gedient umb die schoene Rachel / hat sie doch gleichwohlen nicht ueberkommen / sonders es ward ihm die haeßliche / wilde / garstige Lia beigelegt / dannenhero muste er noch 7 Jahr umb die Rachel dienen / so lang dienen wegen eines Weib in der Welt? Pfui! du unbestaendige / abwendige / mißverstaendige Welt! wir wollen tausendmahl lieber dienen umb den Himmel / diese schoene Rachel gebe uns O grosser GOtt hierzu deine Gnad / verleihe uns Glueck und Staercke / erteile uns den Willen / und erhalte den Willen / verschaffe uns die Begierd und entzinde die Begiert / daß wir verlassen / verachten / verwerffen das Modicum das kleine / und nichts anders suchen dann das Ewige / endlichen auch erwerben und erben das Ewige. Amen.


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